Archiv für September 2011

Yesss

Eine der unnötigsten Parteien ist in Berlin „draußen“. Yesss!

Auch wenn ich ansonsten nicht so viele Illusionen habe darüber, was Wahlen ändern, irgendwie erfreut dies doch das Herz.

Heterosexismus mal anders

So kann’s gehen, wenn Heterosexismus nach hinten losgeht.

Aus aktuellem Anlass: Religion(skritik)

Nächste Woche ist ja mit dem Herrn Ratzinger das Staatsoberhaupt der letzten in Europa verbliebenen absolutistischen Monarchie, die zugleich ein Gottesstaat ist, in Deutschland zu Besuch.

Aus vielen guten Gründen wird dies zum Anlass für Demonstrationen genommen. Die unmittelbaren Anlässe sind klar: Eine Sexualmoral, die schon im letzten Jahrhundert veraltet war und die viele Menschenleben kostet. Die Tatsache, dass in Deutschland Staat und Kirche sowieso immer noch viel zu sehr verquickt sind. Und so weiter…

Dort hört die Analyse und damit die Begründung des Protestes nicht auf. Die Bündnisse in Berlin und Freiburg gehen prinzipiell zu Recht über solche direkte Kritikpunkte hinaus und decken grundlegendere Verflechtungen auf.

Der Aufruf des Freiburger Bündnisses benennt die Fixierung eines konservativen, heteronormativen Familienbildes im Rahmen eines zweigeschlechtlichen Rollenbildes, „natürlich“ mit einer Unterordnung von Frauen unter Männer. Die Kritik benennt auch, dass dieses Bild immer noch Spuren auch in unser nominell säkularen Gesellschaft hinterlässt, zum Beispiel in der derzeitigen Familienpolitik oder der rechtlichen Regelung der Abtreibung.

Desweiteren wird der Antisemitismus benannt; hier hat die katholische Kirche unter Herrn Ratzinger klar wieder die „Versöhnung“ zum rechten Rand, z.B. der sog. Piusbruderschaft unter Williamson, gesucht, somit also die Grenzen zum dort offen gezeigten Antisemitismus und der offenen Leugnung des Holocaust fallen lassen. Damit knüpft sie an frühere antisemitische Logiken an, die sich auch aus dem christlichen Anspruch auf die alleinige Wahrheit ergaben.

Weiter folgt die Kritik an vor allem organisierter Religion.

Das eine Argument, in verschiedenen konkreten Ausformungen, ist das der organisierten Kirche als Machtinstrument. Im konkreten will sie bestimmte, herrschende und konservative bis reaktionäre Moralregeln, die letztlich auch gegen emanzipatorische Bestrebungen wirken, durchsetzen. Hierzu nutzt sie ihren Anspruch auf eine absolute, scheinbar unverrückbare Wahrheit (die in Wirklichkeit aber änderbar ist und immer wieder selbst innerhalb der Kirche durch Päpste tatsächlich verändert wurde!) und außerdem eine Kulisse der Furcht vor Strafen für „Sünden“ (nach der jeweiligen Definition der Kirche/Mächtigen) im Jenseits.

Das andere Argument, was als Kritikpunkt an Religion als solcher, generell, vorgetragen wird, ist, dass Menschen auf ein Jenseits, ein Paradies, vertröstet werden, wo man dann dem weltlichen Elend, der Unterdrückung, dem Leid entflieht, und man so davon abgehalten bzw. abgelenkt wird, in dieser Welt nach Befreiung zu streben, hier und jetzt emanzipatorisch zu denken, leben.

Und dieses letztere Argument trifft meiner Meinung nach eben nicht so generell. Auch wenn wir hier so aufgewachsen sind, dass Religion im gesellschaftlichen Mainstream so gut wie nur in dieser Form – Dualismus zwischen Diesseits und Jenseits, vor allem das Jenseits, die Geistwelt als Hoffnungsquelle, damit das Streben nicht innerhalb der irdischen Realität, sondern nach Transzendenz – sichtbar wird, ist das nicht die einzige Art von Religion, die es gibt.

Es gibt auch Religionen, wo Geist und Materie als unumstößlich verbunden gelten. Und damit eine solche, kritisierte, weil anti-emanzipatorische, Weltflucht in ein transzendentes Jenseits, in solchen Religionen eben nicht angelegt ist. Die gleichzeitig auch – auch das ist ein Merkmal, wie es im Mainstream selten sichtbar wird – keinen Alleinvertretungsanspruch haben, sondern ganz tief angelegt haben, dass verschiedene Menschen verschieden mit Religion oder Nicht-Religion umgehen, und das nicht nur toleriert, sondern als richtig und notwendig annehmen.

Die Konsequenz ist, dass solche Religionen ein verantwortliches Handeln im hier und jetzt, in dieser ganz irdischen Welt, verlangen. Es mag zwar sein, dass aus diesen Religionen nicht zwangsläufig genau eine emanzipatorische, linke politische Orientierung folgt. Solche Orientierungen sind häufiger zu finden, und in bestimmten Richtungen/Traditionen häuft sich dies. Zum Beispiel gibt es die Reclaiming-Tradition, die Religion/Spiritualität, persönliche Entwicklung/persönliches Wachstum und politischen Aktivismus auf Basis einer umfassenden, u.a. feministischen Machtanalyse, als Kernelemente hat.

Ich denke, aus einer undogmatisch/gewaltfrei (radikal-)linken Sicht kann ich die selbe Religionskritik, wie sie auf die im herkömmlichen Mainstream bekannten, herrschenden Religionen durchaus zutrifft, wie sie schon in Bakunins „Gott und der Staat“ sehr treffend war, nicht so auf z.B. Reclaiming anwenden.

Denn dort geht man zwar vielleicht mit Methoden/“Werkzeugen“ an verschiedene Themen, die für viele Menschen fremd(artig) sind. Für viele Menschen vielleicht auch schlichtweg nicht passend. Aber die Menschen, für die es „das Richtige“ ist, werden sicher nicht abgehalten – im Gegenteil wird es gefördert, sich hier in dieser Welt, in diesem Leben (also nicht in einem künftigen Paradies!), mit verinnerlichten Machtmechanismen auseinanderzusetzen, um so vorbereitet um so besser dann auch nach außen in irgendwelchen Weisen herrschaftsarme/-freie Strukturen leben zu können.

Und wenn ich das dann im Blick habe, finde ich es schade, wenn ich mich durch so eine pauschal anti-religiöse Haltung z.B. in Demonstrationsaufrufen wie dem zitierten ausgegrenzt fühle. Denn die wesentlichen Gehalte der Kritik teile ich ja in Wirklichkeit. Und ich denke, so gegenläufig sind die Ziele auch nicht:

Ich möchte, dass ich, wenn ich eine Religion und Spiritualität u.a. entlang dessen, was ich von Reclaiming lerne, praktiziere, auch damit angenommen werde. Gleichzeitig möchte ich, dass die politische, gesellschaftliche Organisation – Staat oder das, was nach Staat kommt – wirklich richtig säkular ist. Gerade da ich es vom Minderheitenstandpunkt her erlebe – und zwar nicht eine christliche Sondergruppe, sondern nochmal ganz anders –, merke ich, wie weit der jetzige Staat davon entfernt ist, trotz des theoretischen „es besteht keine Staatskirche“. Ich möchte, dass Religionen und Spiritualitäten kein Instrument von Macht und Unterdrückung mehr sein dürfen. Sie sollen aus meiner Sicht da sein für Menschen, die sich von sich aus dafür entscheiden, und Menschen in Ruhe lassen, die sich dagegen entscheiden. Und natürlich bedarf es einer wirklichen Redefreiheit, in der kritische Fragen gestellt werden können – sind bestimmte Lehren oder Gruppen in Ordnung, jedenfalls unschädlich, vielleicht sogar empowering? Oder sind sie destruktiv und unterdrücken ihre Mitglieder (oder gar Außenstehende)? Solches Hinterfragen sollte nicht nur toleriert werden, sondern begrüßt und gefördert – wirklich „gesunde“ Gruppen (egal ob spirituell/religiös, politisch, Selbsthilfe, …) sind selbst bereit, sich zu hinterfragen und sich ernsthaften Fragen zu stellen, um eventuell wirklich bestehende destruktive Tendenzen auszuräumen.

Wahlen in Berlin

In Berlin wird gewählt (Abgeordnetenhaus, Bezirksverordnetenversammlungen).

Und Tauwetter Berlin hat Wahlprüfsteine und eine Auswertung der Antworten herausgegeben.

Papst in Berlin und Freiburg

Der Papst in Deutschland und insbesondere Berlin. Wen interessierts?

Offensichtlich viele!

Aus der katholischen und konservativen Ecke wird gejammert, dass es fehlgeleitete Seelen gibt, die dagegen protestieren. Vor 5 Jahren war er doch so willkommen. „Wir sind Papst“ und so. Und der liebe Benedikt sagt ja so schöne Sachen zur Liebe und zur Einstellung zur Natur. Und hat doch so lieb in Spanien die sozialen Missstände angeprangert. Und die armen Gläubigen. Die soll man ja nicht verletzen, wenn man da protestiert. Sind doch so viele, Millionen in Spanien und so weiter. Wenn man ihm doch einfach nur zuhören würde, so ein Berliner Szene-DJ.

Und jetzt: Von Freiburg bis Berlin sind sie so böse und heißen ihn nicht willkommen. Und die Linke schlachtet den Besuch und den Protest dagegen für ihren Wahlkampf aus, so im Report München. Und sogar die SPD und die Grünen (der böse Herr Ströbele möchte ja vielleicht den Bundestag verlassen, wenn der Bene da redet). Und der größte Skandal: Die abgehängten Schulkreuze in Bayern!!! Was würde denn mit uns im Land passieren, wenn die Kirche immer mehr verschwindet? Selbst die CDU weiß wohl nicht mehr, was „C“ bedeutet: „C wie Zukunft“ in Mecklenburg-Vorpommern. Wenn das der F… ähm Papst wüsste.

Nun, liebe Leute vom Report München, ich weiß ja, dass Ihr etwas arg konservativ seid. Und daher wohl etwas arg blind oder halbblind durch die Gegend latscht. Ihr habt zwar in einem Nebensatz mal „Zölibat“ und „Missbrauch“ erwähnt und sowas wie 150000 Kirchenaustritte. Aber dann, nein, wie kann das denn kommen, dass man denn gegen den Papst protestiert? Der hat doch da bestimmt nichts damit zu tun, oder?

Und in Spanien waren doch auch alle soooo dankbar. Dass es da auch massive Proteste gibt, ist wohl in Bayern ungesehen vorbeigezogen. Vielleicht ist da jetzt ja das Tal der Ahnungslosen, wo man nicht mal rest-bundesdeutsche Mainstream-Medien empfangen kann.

Dass der „liebe“ Benedikt zwar in den USA so schön getan hat, einen auf „Umkehr“ gemacht hat, mit Menschen gesprochen hat, denen von römisch-katholischen Klerikern sexuelle Gewalt angetan wurde und wo dies, wie dies ja wohl „üblich“ ist, jahrelang, jahrzehntelang vertuscht worden ist – ja, das sieht von heute aus irgendwie lächerlich aus. Denn danach erfahre ich von einem „Fall“ (schönes Wort?) in Südamerika, wo ein Kind, ein ca. 10jähriges Mädchen missbraucht wurde. Sie wurde schwanger, und es war ihr – verständlicherweise – untragbar, das Kind zu bekommen. Also trieb sie ab. Was passierte in dem (römisch-)katholischen Land? Das Mädchen, der Arzt wurden exkommuniziert. Der Täter nicht. Und das, nachdem der Benedikt da in den USA war, einen anderen Umgang mit dem Thema versprochen hat.

Das heißt: Ungefähr zu der Zeit war es ihm möglich, die Exkommunikation von den Piusbrüdern aufzuheben – auch wenn die aus kirchlicher Sicht auch üble Sünden begangen haben (Kirchenspaltung, Priesterweihe ohne offizielle Genehmigung). Aber dort einzugreifen war ihm nicht möglich, obwohl der Fall pressebekannt wurde. Das heißt also erzkonservative, extrem rückwärtsgerichtete, antisemitische Geistliche sind ihm dann immer noch wichtiger als Kinder, denen Gewalt angetan wurde und wird, und die versuchen, damit zu leben. Und dem „Kirchenrecht“ sind Täter weniger schlimm – keine Exkommunikation, denn da darf man ja barmherzig sein, vergeben, wasweißich – als die Kinder und deren Helfer_innen.

Und jetzt: Auch nach der in den USA versprochenen Umkehr in Deutschland wiederum zuerst im Jahr 2010 Scheibchentaktik: Nur zugeben, was nicht mehr vermeidbar war. Die sexuelle Revolution verantwortlich machen (gut, das war nicht der Bene höchstselbst).

Weiterhin eine (Sexual)moral aufrechterhalten, in der viele Dinge als schlimmer (u.a. mit der „Tatstrafe“ der Exkommunikation behaftet) gelten als sexuelle Gewalt (v.a. gegen Kinder). Sex außerhalb der Ehe? Eine neue Ehe nach einer Scheidung? Beziehungen für Priester? Frauenordination? Gleichgeschlechtliche (*) Partnerschaften. Empfängnisverhütung, Safer Sex – ein besonders düsteres Kapitel, da hier der Papst bzw. die römisch-katholische Kirche letztlich direkt mitverantwortlich für viele vermeidbare Krankheiten und Todesfälle ist.

Darum braucht es nicht zu wundern, wenn es viele interessiert, und wenn viele protestieren.

Zum einen plant der LSVD im Zusammenhang eines Bündnisses „Der Papst kommt“ eine große Demonstration am 22.9.2011 ab 16.00 Uhr in Berlin gegen die menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik des Papstes. Eigentlich soll die Demonstration am Brandenburger Tor mit einer Kundgebung starten. Nach derzeitigem Stand hat die Versammlungsbehörde dies verboten, wogegen das Bündnis beim Verwaltungsgericht klagt.

Desweiteren gibt es von Seiten von Tauwetter und Wildwasser Berlin einen Aufruf zu einem Block der Gesichtslosen, wo Betroffene von sexueller Gewalt und solidarische Mit-Betroffene sich zeigen und gleichzeitig, durch das Tragen weißer Masken (wer das möchte), zeigen, dass sie nicht die einzigen sind, dass es noch zahllose andere Betroffene gibt, die bisher noch unsichtbar sind, und dass es auch daher nicht passend ist, sich voyeuristisch auf Einzelschicksale zu konzentrieren.

Weitere Informationen zu Hintergründen und Veranstaltungen rund um die Demonstration und das Thema in Berlin. Außerdem wird der Papst auch in Freiburg sein, so dass auch dort eine Demonstration stattfinden wird.

(*) Was auch immer „gleich“ und „Geschlecht“ jeweils heißt.

Handout emanzipatorische/dekonstruktive Jungen_arbeit

Im Wer-lebt-mit-wem-Blog habe ich ein Handout einer Veranstaltung „Geschlechterverhältnisse im
Mixer? – Impulse kritischer Jungen_arbeit für Lebenszusammenhänge mit Kind(ern)“ über kritische/emanzipatorische/dekonstruktive Jungen_arbeit gefunden.