L-talk und das Zwangsouting

Bei dem letzten Artikel von L-talk wird außerdem über Zwangsouting geschrieben. Genauer: Eine Mischung von Unsichtbarkeit (auch der immer noch vorhandenen Diskriminierungen) und Zwangs-Sichtbarkeit, die durch den faulen Kompromiss namens „eingetragene Lebenspartnerschaft” geschaffen wurde.

Nun. Heute ist mir etwas passiert: Ich treffe zufällig eine, mit der ich eher lose aus FrauenLesben-Zusammenhängen vor einigen Jahren bekannt war. Ich war nicht alleine, sie war nicht alleine. Ich kannte die nicht, die mit ihr war, sie vermutlich die nicht, die mit mir dabei war. Spricht sie mich an, wie’s mir geht, ich brauche einen Moment, um sie zu erkennen und „einzusortieren”, woher wir uns kennen könnten. Und gleich sagt sie was, was mich eindeutig als eine mit trans-Biographie zwangsoutet.

Mensch sollte meinen, dass sie – als (zumindest früher) in der (von feministischen Gedanken nicht unberührten) FrauenLesben-Szene aktiven FrauLesbe – sich dessen bewusst sein sollte, dass das ein NoGo ist. Aber weit gefehlt.

Offensichtlich ist für manche ein Transmensch noch ne Ebene weniger privilegiert als Cis-FrauenLesben. (Davon abgesehen, dass der_die betroffene Trans_mensch ja evtl. in mehrerlei Weise unterprivilegiert sein könnte, so von wegen Intersektionalität…)

Wie empört wäre sie wohl gewesen, wenn ich vor ihren Ohren jemand ohne/gegen seinen_ihren Willen als schwul/lesbisch geoutet hätte? Als Mensch, der als Kind sexuelle Gewalt erlebt hat? Als Mensch, der HIV-positiv ist? Als Mensch mit irgendeiner unsichtbaren Behinderung?

Vielleicht möge sich mensch mal die Cis Privilege Checklist durchschauen, vielleicht mit einem selbstkritischen und einem mitfühlenden Auge – mitfühlend mit denen, die eben das Gegenstück dazu erleben mussten/müssen? Punkt 26? 24 (selbst einige, die sich als „fortschrittlich”, feministisch sehen, bilden sich ein, es ist ganz normal, trans_Menschen zu fragen, ob sie „operiert” sind, eine Gegenfrage nach dem Aussehen ihrer Labien würden gerade feministisch eingestellte Frauen wohl in der Regel als übergriffig empfinden).

Nebenbei: Wenn von schwul-lesbischer (ja, ich schreibe absichtlich nicht GBLT o.ä.) Seite für die Aufnahme von „sexueller Identität” als protected ground (geschützte Kategorie) im speziellen Gleichstellungsgrundsatz im Grundgesetz (Art. 3 Abs. 3 GG) gelobbyt wird (oder auch genau dieser Begriff im Allgemeinen Gleichstellungsgesetz vorkommt), dann ist das genauso eine Unsichtbarkeit. Denn es wird (in Deutschland) dann angenommen, das würde sowohl die sexuelle Orientierung (heterosexuell, lesbisch, schwul, bi, …) abdecken, als auch die Geschlechtsidentität (transgender vs. cisgender). Damit (wie auch mit so Aufzählungen wie „GBLT” oder „Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle”) wird aber genau unsichtbar gemacht, dass es sich hierbei um verschiedene Bereiche handelt.

Menschen haben eine sexuelle Orientierung und eine Geschlechtsidentität (und wenn’s die ist, non-gender zu sein). Man ist nicht entweder schwul oder lesbisch oder bisexuell oder transsexuell, sondern man ist z.B. schwul und transsexuell, oder lesbisch und transsexuell, oder lesbisch und cissexuell (das begriffliche Gegenteil von „transsexuell”), oder … Auch das ist Intersektionalität.

Und eben diese Intersektionalität wird unsichtbar gemacht durch „sexuelle Identität”. Nur: Die mit Cis-Privileg braucht das ja nicht zu interessieren. Andere Intersektionalitäten sind ja zumindest eher abgedeckt (z.B. „Rasse” plus sexuelle Orientierung).


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