(Un-)Sichtbarkeit von Trans* in feministischen Diskursen

Anlass dieses Posts ist, dass ich heute das Buch »ich bin kein Sexist, aber…« (Yasmina Banaszczuk, Nicole von Horst, Mithu M. Sanyal, Jasna Strick, Orlanda 2013) angelesen habe.

Es handelt sich dabei um ein Buch, dass im „Gefolge” des #aufschrei-Hashtag entstanden ist und besteht aus vier Artikeln, jeweils einem von jeder Autorin*.

Der erste Artikel ist von Nicole von Horst, „The stories we tell”. In dem Artikel geht es sowohl darum, dass die Autorin* von selbst erlebten Sexismen erzählt, als auch darum, was Storytelling, das Erzählen der eigenen Geschichte, der Geschichten, die mensch erlebt, bewirkt: Sichtbar zu werden, selbst zu sprechen oder schreiben statt dass nur über ei_nen geschrieben wird, im Gegensatz zu einer herrschenden Welt, in der viele Menschen marginalisiert und unsichtbar sind. Letztlich auch ein Aufruf an andere, auch sichtbar zu werden, auch diese Eigen-Macht zu ergreifen, auch und gerade dann, wenn die eigenen Geschichten/Narrative, das eigene Erlebte nicht einem Stereotyp entspricht – wie sieht „echter” Sexismus, „echte” Übergriffigkeit etc. aus – auch in Hinsicht auf Stereotypisierungen innerhalb von marginalisierten Gruppen selbst.

Dies spricht mich prinzipiell an, und gleichzeitig sehe ich da für mich schwieriges. Zum einen habe ich oft nicht die Energie zu schreiben und dabei mich wirklich selbst, eigenes Erlebtes zu zeigen. Selbst wenn es ermächtigend (empowering) sein kann. Zum anderen habe ich, genauso wie viele andere, viel zu verlieren. Und ich habe manchmal den Eindruck, eher noch mehr zu verlieren zu haben – jedenfalls habe ich deutliche innere Widerstände dagegen, mich zu zeigen, als Ergebnis von erlebtem genau in diesem Zusammenhang: Mich gezeigt und offenbart zu haben und dann genau damit und dadurch verletzt zu werden. Und am Ende habe ich als trans* Frau vielleicht doch auch „in Wirklichkeit” noch mehr zu verlieren als (weiße, ableisierte, …) Cis-Frauen. Da ist genau ein Zwiespalt: Ein „Outing” meiner gender history ist in vielen Kontexten sehr „kostspielig”, gleichzeitig ist deren Zeigen, Sichtbarkeit notwendig, um viele meiner Erfahrungen mit Sexismus und Cissexismus oder auch anderen *ismen überhaupt sichtbar machen zu können.

Der zweite Artikel in dem Buch zeigt für mich nun auch eine schwierige Dimension in Bezug trans* in oder nicht in feministischen Diskursen. Der Artikel heißt „Kaffeeschubsen und Machtspiele – wo fängt Sexismus an?” von Yasmina Banaszczuk. Es wird die Frage angesprochen, was ist eigentlich Sexismus? Wo sind dessen Grenzen? Was sind Unterschiede zwischen Sexismus und sexueller Belästigung und sexuellen Übergriffen? Yasmina Banaszczuk definiert Sexismus u.a. als „jenes Verhalten, welches zur Folge hat, dass sich soziale Wertunterschiede zwischen Geschlechtern fortschreiben.” Es geht auch um ungleiche Machtverteilung und deren Rechtfertigung. Konstruierte Schein-Unterschiede zwischen Geschlechtern wären z.B. also noch nicht Sexismus, wenn – wohl faktisch selten der Fall – kein Wertunterschied daran geknüpft ist. Die Formulierung sieht außerdem so aus, dass die Autorin sich der Konstruiertheit von Zweigeschlechtlichkeit bewusst ist. Sie redet nicht von „beiden Geschlechtern” oder „Mann und Frau” oder Ähnlichem, sondern von „Geschlechtern” in einer unbestimmten Mehrzahl. Unbestimmt: Nicht „den Geschlechtern”, sondern „Geschlechtern”, was eher offen lässt, welche und wie viele Geschlechter existieren mögen.

Nun lese ich auf S. 27 des Buches in dem genannten Artikel Beispiele für Sexismus: „Wie bereits festgestellt, geht es bei Sexismus um die künstliche Zuordnung einer als »natürlich« implizierten Position eines Geschlechts. Am deutlichsten bekommen dies Frauen zu spüren”. Beispiele sind dann der Gender-Pay-Gap (22% weniger Arbeitseinkommen bei Frauen*), Unterrepräsentation in führenden Ebenen, häufiger erlebte geschlechtsbezogene „unangenehme Begegnungen”. Damit „hängt das weibliche Geschlecht auf einer sozial benachteiligten Position fest.” Hierzu lese ich dann folgende Fußnote: „In diesem Text geht es um Frauen und Männer, die sich jeweils als solche verstehen. Genderqueere Menschen, die sich jenseits von Geschlechterbinarität verorten, sind wiederum auf besondere Weise von Hetero- und/oder Cissexismus betroffen.” Das stimmt wohl: Menschen, die genderqueer sind und sich so äußern und_oder so gelesen werden, werden nicht nur auf „besondere”, sondern v.a. auf intensivere Weise von *Sexismen betroffen und marginalisiert sein, im Vergleich zu als cis und genderkonform gelesenen Menschen (die das für sich selbst auch nicht verbal konterkarieren).

Jedoch macht Yasmina Banaszczuk hier unsichtbar, dass das Spektrum der Cis- und Heterosexismen und Sexismen generell nicht nur auf entweder (mehr oder weniger) genderkonformen Cis-Frauen* und nichtbinäre genderqueer Menschen beschränkt ist. Hier sehe ich z.B. meine Erfahrungen verunsichtbart. Ich werde oft als relativ genderkonforme Frau* gelesen. Und dennoch erlebe ich nicht nur „cis-typischen” Sexismen (womit ich nicht eine Beschränkung auf die oben beschriebenen Stereotypen innerhalb marginalisierter Gruppen meine, sondern generell Sexismen, wie sie Cis-Frauen* genauso erleben könnten), sondern ganz klar auch trans*-Marginalisierungen/Cissexismen und Heterosexismen. Schon meine gender history allein „reicht dafür aus”, auch ohne dass ich mich (nur) als „jenseits von Geschlechterbinarität” verorten würde.

Aber schon grundlegender sehe ich diese Fußnote und deren Formulierung als problematisch. Einerseits mag sie die Absicht haben, zumindest sichtbar zu machen, dass sich die Autorin* auf von Cis-Frauen* erlebte Sexismen konzentriert, und sich als aware zu zeigen, dass andere Menschen noch andere Formen von *Sexismen erleben können. Andererseits spricht sie von „Frauen und Männer, die sich jeweils als solche verstehen”. Dies suggeriert in meinen Augen eine unabhängige Tatsache von Frau/Mann-Sein, die getrennt davon sein kann, als welchem_n Gender_s (falls überhaupt) sich ei_ne_r zugehörig fühlt. Sprich: Die einen „sind” in einem essentialistischen Sinne Frau/Mann und verstehen sich als solche. Andere verstehen sich anders, „sind” aber dennoch Frau bzw. Mann. Oder wie? Sprich die Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit wird nur halb in Frage gestellt, zur anderen Hälfte wird dann doch eine Zweigeschlechtlich eventuell essentialistisch, als vor/unabhängig von einer sozialen Konstruktion existent, vorausgesetzt.

Und dann erlebe ich diese Fußnote noch als ein Exemplar von „über … reden” (statt mit … zu reden, oder gar … selbst reden zu lassen, zum Beispiel durch einen eigenen Artikel in dem Buch, durch Zitate o.ä.). Das ist genau das, was im ersten Artikel von Nicole von Horst kritisiert wird, und warum unter anderem Nicole von Horst die eigene Stimme ergreift und dazu ermutigt. Anstatt dass trans*, inter*, genderqueer*e, … Menschen selbst die Stimme ergreifen und das, was bereits gezeigt und geäußert und erzählt wurde, gehört wird, wird nur in einer kurzen Fußnote angedeutet, dass genderqueere Menschen spezifische *Sexismen erleben und damit ausgelöscht, dass andere als genderqueere Menschen dies auch tun (z.B. trans* Weiblichkeiten, nebenbei auch immer wieder in „feministischen” Zusammenhängen), dass dies ganz verschieden geschehen kann, und dass andererseits diese Menschen, die zusätzlich von besonderen Formen des *Sexismus wie Cissexismus und Heterosexismus betroffen sind, dennoch auch von „normalen” Sexismen betroffen sein können.

Hier hätte ich mir dann schon noch ein anderes Maß von awareness gewünscht. Und wenn ei_ne nichts darüber weiß, dann ist es evtl. ehrlicher, dies in irgendeiner Weise einzugestehen, Dinge offenzulassen. Und das kann dann vielleicht durchaus auf eine Weise geschehen, die gut ankommt, die weniger nach Erasure „riecht”. Und das kann in Ordnung sein, denn ich denke nicht, dass von allen erwartet werden kann, über alles im Detail Bescheid zu wissen. So, wie ich es jetzt gelesen habe, finde ich es nur eben schade, dass etwas, was wenige Seiten vorher, wenn auch von einer anderen Autorin* letztlich kritisiert wurde (z.B. reden über), in einer anderen intersektionellen Dimension selbst getan und reproduziert wird, und damit auch ein Machtverhältnis geschaffen: Cis-Auto_rinnen „dürfen” über Menschen, die kein Cis-Privileg haben, reden und deren Erleben definieren. (Siehe: Männer* „dürfen” über Frauen* reden und deren Erleben und Leben definieren.) Damit erlebe ich diese „Awareness” hier eher als Tokenismus statt als wirklich tiefgehend.

*: Soweit ich das ersehen kann, lese ich die Autorinnen* als Cis-Frauen. Mit dem Stern weise ich hier also nicht auf einen Raum jenseits des üblichen Konstrukts von Zweigeschlechtlichkeit hin, sondern darauf, dass auch die „gewöhnlichen” Geschlechter schon konstruiert sind.


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