Aus aktuellem Anlass: Religion(skritik)

Nächste Woche ist ja mit dem Herrn Ratzinger das Staatsoberhaupt der letzten in Europa verbliebenen absolutistischen Monarchie, die zugleich ein Gottesstaat ist, in Deutschland zu Besuch.

Aus vielen guten Gründen wird dies zum Anlass für Demonstrationen genommen. Die unmittelbaren Anlässe sind klar: Eine Sexualmoral, die schon im letzten Jahrhundert veraltet war und die viele Menschenleben kostet. Die Tatsache, dass in Deutschland Staat und Kirche sowieso immer noch viel zu sehr verquickt sind. Und so weiter…

Dort hört die Analyse und damit die Begründung des Protestes nicht auf. Die Bündnisse in Berlin und Freiburg gehen prinzipiell zu Recht über solche direkte Kritikpunkte hinaus und decken grundlegendere Verflechtungen auf.

Der Aufruf des Freiburger Bündnisses benennt die Fixierung eines konservativen, heteronormativen Familienbildes im Rahmen eines zweigeschlechtlichen Rollenbildes, „natürlich“ mit einer Unterordnung von Frauen unter Männer. Die Kritik benennt auch, dass dieses Bild immer noch Spuren auch in unser nominell säkularen Gesellschaft hinterlässt, zum Beispiel in der derzeitigen Familienpolitik oder der rechtlichen Regelung der Abtreibung.

Desweiteren wird der Antisemitismus benannt; hier hat die katholische Kirche unter Herrn Ratzinger klar wieder die „Versöhnung“ zum rechten Rand, z.B. der sog. Piusbruderschaft unter Williamson, gesucht, somit also die Grenzen zum dort offen gezeigten Antisemitismus und der offenen Leugnung des Holocaust fallen lassen. Damit knüpft sie an frühere antisemitische Logiken an, die sich auch aus dem christlichen Anspruch auf die alleinige Wahrheit ergaben.

Weiter folgt die Kritik an vor allem organisierter Religion.

Das eine Argument, in verschiedenen konkreten Ausformungen, ist das der organisierten Kirche als Machtinstrument. Im konkreten will sie bestimmte, herrschende und konservative bis reaktionäre Moralregeln, die letztlich auch gegen emanzipatorische Bestrebungen wirken, durchsetzen. Hierzu nutzt sie ihren Anspruch auf eine absolute, scheinbar unverrückbare Wahrheit (die in Wirklichkeit aber änderbar ist und immer wieder selbst innerhalb der Kirche durch Päpste tatsächlich verändert wurde!) und außerdem eine Kulisse der Furcht vor Strafen für „Sünden“ (nach der jeweiligen Definition der Kirche/Mächtigen) im Jenseits.

Das andere Argument, was als Kritikpunkt an Religion als solcher, generell, vorgetragen wird, ist, dass Menschen auf ein Jenseits, ein Paradies, vertröstet werden, wo man dann dem weltlichen Elend, der Unterdrückung, dem Leid entflieht, und man so davon abgehalten bzw. abgelenkt wird, in dieser Welt nach Befreiung zu streben, hier und jetzt emanzipatorisch zu denken, leben.

Und dieses letztere Argument trifft meiner Meinung nach eben nicht so generell. Auch wenn wir hier so aufgewachsen sind, dass Religion im gesellschaftlichen Mainstream so gut wie nur in dieser Form – Dualismus zwischen Diesseits und Jenseits, vor allem das Jenseits, die Geistwelt als Hoffnungsquelle, damit das Streben nicht innerhalb der irdischen Realität, sondern nach Transzendenz – sichtbar wird, ist das nicht die einzige Art von Religion, die es gibt.

Es gibt auch Religionen, wo Geist und Materie als unumstößlich verbunden gelten. Und damit eine solche, kritisierte, weil anti-emanzipatorische, Weltflucht in ein transzendentes Jenseits, in solchen Religionen eben nicht angelegt ist. Die gleichzeitig auch – auch das ist ein Merkmal, wie es im Mainstream selten sichtbar wird – keinen Alleinvertretungsanspruch haben, sondern ganz tief angelegt haben, dass verschiedene Menschen verschieden mit Religion oder Nicht-Religion umgehen, und das nicht nur toleriert, sondern als richtig und notwendig annehmen.

Die Konsequenz ist, dass solche Religionen ein verantwortliches Handeln im hier und jetzt, in dieser ganz irdischen Welt, verlangen. Es mag zwar sein, dass aus diesen Religionen nicht zwangsläufig genau eine emanzipatorische, linke politische Orientierung folgt. Solche Orientierungen sind häufiger zu finden, und in bestimmten Richtungen/Traditionen häuft sich dies. Zum Beispiel gibt es die Reclaiming-Tradition, die Religion/Spiritualität, persönliche Entwicklung/persönliches Wachstum und politischen Aktivismus auf Basis einer umfassenden, u.a. feministischen Machtanalyse, als Kernelemente hat.

Ich denke, aus einer undogmatisch/gewaltfrei (radikal-)linken Sicht kann ich die selbe Religionskritik, wie sie auf die im herkömmlichen Mainstream bekannten, herrschenden Religionen durchaus zutrifft, wie sie schon in Bakunins „Gott und der Staat“ sehr treffend war, nicht so auf z.B. Reclaiming anwenden.

Denn dort geht man zwar vielleicht mit Methoden/“Werkzeugen“ an verschiedene Themen, die für viele Menschen fremd(artig) sind. Für viele Menschen vielleicht auch schlichtweg nicht passend. Aber die Menschen, für die es „das Richtige“ ist, werden sicher nicht abgehalten – im Gegenteil wird es gefördert, sich hier in dieser Welt, in diesem Leben (also nicht in einem künftigen Paradies!), mit verinnerlichten Machtmechanismen auseinanderzusetzen, um so vorbereitet um so besser dann auch nach außen in irgendwelchen Weisen herrschaftsarme/-freie Strukturen leben zu können.

Und wenn ich das dann im Blick habe, finde ich es schade, wenn ich mich durch so eine pauschal anti-religiöse Haltung z.B. in Demonstrationsaufrufen wie dem zitierten ausgegrenzt fühle. Denn die wesentlichen Gehalte der Kritik teile ich ja in Wirklichkeit. Und ich denke, so gegenläufig sind die Ziele auch nicht:

Ich möchte, dass ich, wenn ich eine Religion und Spiritualität u.a. entlang dessen, was ich von Reclaiming lerne, praktiziere, auch damit angenommen werde. Gleichzeitig möchte ich, dass die politische, gesellschaftliche Organisation – Staat oder das, was nach Staat kommt – wirklich richtig säkular ist. Gerade da ich es vom Minderheitenstandpunkt her erlebe – und zwar nicht eine christliche Sondergruppe, sondern nochmal ganz anders –, merke ich, wie weit der jetzige Staat davon entfernt ist, trotz des theoretischen „es besteht keine Staatskirche“. Ich möchte, dass Religionen und Spiritualitäten kein Instrument von Macht und Unterdrückung mehr sein dürfen. Sie sollen aus meiner Sicht da sein für Menschen, die sich von sich aus dafür entscheiden, und Menschen in Ruhe lassen, die sich dagegen entscheiden. Und natürlich bedarf es einer wirklichen Redefreiheit, in der kritische Fragen gestellt werden können – sind bestimmte Lehren oder Gruppen in Ordnung, jedenfalls unschädlich, vielleicht sogar empowering? Oder sind sie destruktiv und unterdrücken ihre Mitglieder (oder gar Außenstehende)? Solches Hinterfragen sollte nicht nur toleriert werden, sondern begrüßt und gefördert – wirklich „gesunde“ Gruppen (egal ob spirituell/religiös, politisch, Selbsthilfe, …) sind selbst bereit, sich zu hinterfragen und sich ernsthaften Fragen zu stellen, um eventuell wirklich bestehende destruktive Tendenzen auszuräumen.


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