Archiv der Kategorie 'Kongress/Convention - Aus unserer Sicht'

Therapiesituation…

Erst einmal vorneweg: Ich habe auf dem Kongress „Aus unserer Sicht” und auch schon vorher mitbekommen, wie es Menschen gibt, die Unterstützung im Außen nicht auf die formellen Settings beschränkt/konzentriert sehen wollen. Da gab es dann die Sicht, lieber von unterstützenden Freund_innen begleitet aufarbeiten zu wollen.

Ich finde es wichtig, dass dies respektiert und da, wo dies gewollt und gebraucht wird, auch unterstützt wird. Es ist die eigene Entscheidung, auf die es ankommt, und die heute zählen sollte. Kontrollverlust hatten wir früher schon viel zu viel!

Nur, diejenigen, die auch sogenannte „professionellere” Formen von Unterstützung bzw. Begleitung wollen, bemerken oft, wie diese zu wenig zur Verfügung steht, und selbst da, wo sie doch an sich zur Verfügung stünde, Steine in den Weg gelegt werden.

Nun stoße ich also auf diesen kleinen Artikel. An sich sagt er nichts neues: Um das zu bekommen, was uns ggf. helfen soll, fit zu werden (am besten: so wie wir das wollen!), müssen wir oft fit sein, um die Mittel dazu zu bekommen. (Extrembeispiele dafür können diejenigen bieten, die sich um Entschädigung nach dem Opferentschädigungsgesetz bemühen!)

Traumatherapeut_innen und andere Therapeut_innen, die Erfahrung mit dem Thema sexuelle (oder gar: rituelle) Gewalt haben (oder bereit sind, sich hier fortzubilden und die Erfahrung zu sammeln), sind nicht so viele. Das bedeutet oft lange Wartezeiten, oft genug gerade dann, wenn wir in einer Phase sind, entweder Erinnerungen wiederentdeckt zu haben. Oder wenn wir bei vorhandenen Erinnerungen neu verstanden haben, was sie für uns bedeuten. Oder wenn wir indirekter durch die Folgen in einer Krise sind und daher Hilfe suchen.

Die nächste Hürde ist die Kostenübernahme. Mancherorts liest man dann, ja, man bekommt halt die soundsovielen Stunden von der Kasse, Punkt. Wenn das so einfach wäre: Bei mir wurde der Erstantrag bereits abgelehnt. Zwei Male! Jedes Mal, wo ich das Gefühl hatte, die Therapeutin versteht etwas von Trauma und Gewalt…

Und die nächste Hürde sah man ja schon: „soundsoviele”. Es gibt nämlich starre Stundenbeschränkungen. Diese sind komplett von der Diagnose, der Ursache oder sonstigen individuellen Details entkoppelt. Für die oft komplexen Folgen von in der Kindheit oft chronisch erlebten Gewalt – wie es bei sexueller Gewalt häufig vorkommt – ist das komplett unpassend.

So wurde auch in den Forderungen des Kongresses „Aus unserer Sicht” formuliert:

Die Betroffenen haben ein Recht auf angemessene Unterstützungsangebote.

Wir fordern einen Rechtsanspruch auf alltagspraktische und sozialarbeiterische Soforthilfe für Erwachsene nach der Aufdeckung sexualisierter Gewalt, zum Beispiel alltagspraktische psychosoziale Stabilisierung.

Flächendeckende, finanziell abgesicherte Beratungs-, Selbsthilfe- und Therapieangebote:

  • Unterstützung bei der Verarbeitung sexualisierter Gewalterfahrung auch für Erwachsene muss als Rechtsanspruch verankert werden.
  • Das Angebot soll Wahlmöglichkeiten enthalten: Trauma- oder andere Therapieformen, Selbsthilfeangebote, kreative Angebote wie Kunst, Musik, Theater, und andere. Insbesondere müssen betroffenenkontrollierte Angebote finanziell abgesichert werden.
  • Ebenso bedarf es spezialisierter Beratungsangebote für die Kontakt- und Vertrauenspersonen von betroffenen Männern, Frauen, Trans- und Intersexuellen, um diesen dabei behilflich zu sein, die Betroffenen besser unterstützen zu können.

Traumatherapie und andere Therapie

Die derzeitige Begrenzung der Therapiestundenzahl über die Krankenkassen wird den komplexen Belastungen vieler Betroffener nicht gerecht. Ebenso völlig unzureichend sind die Wahlmöglichkeiten und das Angebot an Therapieplätzen.

  • Traumatherapeutische Angebote sollen von den Krankenkassen finanziert werden. Dies verlangt eine klare Definition von Traumatherapie und die Entwicklung von Richtlinien. Evaluation und Qualitätssicherung in der Traumatherapie sind sinnvoll.
  • Für alle Formen von Therapie sollen Beschwerdestellen eingerichtet werden.

Hier ist also abgedeckt: Die Möglichkeit zur Begleitung von Unterstützungspersonen im Umfeld. Verankerung von Traumatherapie, die bisher noch offiziell gar nicht als eigenständiger Anspruch in den Therapierichtlinien abgedeckt ist. Ausbau des Angebots an Therapieplätzen und Aufhebung des starren Stundenkontingents.

Der Ausbau an Therapieplätzen hängt meinem eigenen Eindruck nach an mindestens zwei Stellen: Zum einen werden Kassenzulassungen zu eng vergeben. Ein Teil davon ist auch die Regelung, dass für eine_n Therapeut_in auf jeden Fall eine „ganze” Kassenzulassung gezählt wird, selbst wenn sie/er nur in Teilzeit arbeitet. Aber auch die Zielvorgabe selbst ist möglicherweise zu eng.

Zum anderen liegt es möglicherweise auch an der Ausbildungsordnung, dass zu wenige Therapeut_innen „nachkommen”. Es wird eine umfassende Zahl von Praxisstunden verlangt, bevor die Approbation erteilt wird, und diese sind faktisch entweder unbezahlt oder so gering bezahlt abzuleisten, dass dies ein Hemmnis ist dafür, dass ausreichend viele Menschen aus allen sozialen Schichten den Beruf ergreifen könnten. Die eigentlichen Theapieausbildungen (sprich was nach dem Studium der Psychologie bzw. der Medizin kommt und die eigentliche therapeutische Methode lehrt) sowie die Lehrtherapie bzw. Lehranalyse sind meines Wissens auch selbst zu bezahlen. Ob es hierfür Förderungen gibt (und ob diese ausreichen), ist mir nicht bekannt.

Das selbe gilt auch für die traumatherapeutischen Ausbildungen (die derzeit ja im kassenzugelassenen Bereich freiwillige Zusatzausbildungen auf eigene Kosten sind!).

Wie mensch sehen kann, erheblicher Verbesserungsbedarf!

Pressekonferenz Kongress Aus unserer Sicht

Inzwischen sind auch Audio-Mitschnitte der Pressekonferenz des Kongresses „Aus unserer Sicht” veröffentlicht. Dort sollten die Forderungen, die auf dem Kongress von Menschen, die sexuelle/sexualisierte Gewalt erlebt haben, aus eigener Sicht erarbeitet wurden, der Presse vorgestellt und übergeben werden.

Sie sind von der Kongress-Homepage unter Presse & News zu finden, oder direkt auf archive.org.

Da ich noch nicht reingehört habe, kann ich inhaltlich noch nichts dazu schreiben.

Pressemitteilung Kongress „Aus unserer Sicht”

Heute wurde die Pressemitteilung über den Kongress „Aus unserer Sicht” und dessen Ergebnisse veröffentlicht. Wir Teilnehmer/innen haben dort politische Forderungen aus der eigenen Sicht von Menschen (Frauen, Männer, Trans*, Inter), denen sexuelle/sexualisierte Gewalt angetan wurde, erarbeitet. Wir erwarten, dass diese Forderungen zeitnah umgesetzt werden.

Das ausführliche Positionspapier ist auch bereits veröffentlicht.

Hierbei haben wir Themenbereiche wie Prävention, Intervention, rechtliche Themen (z.B. Strafrecht, Entschädigung), Therapie und andere Unterstützungsstrukturen (einschließlich niedrigschwelliger Soforthilfe) und weitere bearbeitet. Der strukturelle Hintergrund war auch ein Augenmerk und spezifisches Thema, genauso wie die Inklusion von Menschen, die nicht in das Schema der üblichen Zweigeschlechtlichkeit passen.