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„Burn-Out-Syndrom“

Gerade läuft eine Sendung über „Burn-Out-Syndrom”.

Ein Punkt hat mich geärgert: Sinngemäß hörte es sich für mich so an, als ob man dort von der/einer am meisten tabuisierten Krankheit geredet hätte. (Ich habe den Wortlaut nicht mehr genau in Erinnerung.)

Das sehe ich nicht so. Ich höre das, wenn Menschen erzählen, dass sie es schwer oder unmöglich fanden, Mitmenschen (Kollegen, Verwandten, Partner_innen, …) von ihrem Burn-Out bzw. ihrer Depression (Burn-Out ist, soweit ich das verstanden habe, eine Form von Depression; wird auch „Erschöpfungsdepression” genannt) zu erzählen. Ich nehme wahr, dass auch hier Menschen oft versuchen, eine Maske des Funktionierens aufrechtzuerhalten, selbst wenn in ihrem Inneren ein ganz anderer Zustand da ist.

Nur: Das ist nicht ausschließlich bei Menschen mit Burn-Out bzw. Depression so. Ich kenne das genauso, wie ich dies lange Zeit erlebt habe. Und genauso nehme ich das bei vielen anderen Menschen, die Gewalt erleben mussten, wahr.

Auch anderswo scheint es Parallelen zu geben:

Es wurde gesagt, Depression hat viele verschiedene Erscheinungsbilder. Das haben die Folgen von (sexueller, aber auch anderer) Gewalt auch.

Depression ist lebensgefährlich. Das ist Gewalt auch (Artikel über eine Studie zu Suizidrisiko bei Posttraumatischer Belastungsstörung generell (englischsprachig), Artikel über eine Studie über langfristiges erhöhtes Suizidrisiko nach sexuellem Kindesmissbrauch (englischsprachig)), selbst wenn die Gewalt auf der rein körperlichen Ebene nicht direkt das Leben bedroht hat.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist: Bei Männern ist es noch mehr tabuisiert als bei Frauen. Dies ist Teil des gesellschaftlichen Konstrukts der Geschlechter (gender), sprich der Geschlechterrolle. Hier: Männer sollen Gefühle und Schwächen nicht zeigen. Dies dazu zu dem, dass Schwäche generell in dieser Gesellschaft etwas von Unterlegenheit, Unterwerfung, Minderwertigkeit beinhaltet.

Was ich auch schwierig finde, ist ein recht biologistischer Diskurs und das Konzept der Fremdbestimmung. Hier tut sich Professor Florian Holsboer – auch zu Gast bei besagter Sendung – hervor. Er wird sicher aus seiner Sicht gute Absichten haben. Die Struktur dahinter ist aus meiner Sicht dennoch die: Der Mensch ist eine biologische „Maschine” und was mit uns los ist, wird im Idealfall durch eine fachliche, sprich Fremd-Diagnose bestimmt, und auf dieser Diagnose beruht dann die Hilfe.

Das steht dem Prinzip der Definitionsmacht (und auch dem betroffenenkontrollierten Ansatz) entgegen. Wenn ich die Beschreibung dort lese und verallgemeinere: Ich bestimme selbst, was mit mir ist, was ich empfinde, was ich will und nicht will, was für eine Hilfe ich will oder nicht will (und ich habe auch das Recht, dies jederzeit neu zu bestimmen). Ich darf meine Wirklichkeit selbst definieren. Die Anwendung davon ist auch, dass die Frau (in Wirklichkeit allgemeiner: der Mensch, es sieht nur immer noch so aus, dass es überwiegend Frauen sind!) selbst definiert und abgrenzt, war es nun ein sexueller Übergriff oder nicht.

Die Definitionsmacht gibt uns die Kontrolle zurück, während auch ein Konzept von Fremddiagnose eine neue Erfahrung von Ausgeliefertsein bzw. Kontrollverlust schaffen kann. (Wobei: Auch hier hat jede_r die eigene Definitionsmacht: Wenn ihr selbst eine diagnostische Leistung in Anspruch nehmt, dürft ihr selbst entscheiden, ob ihr es als Ausgeliefertsein bzw. Kontrollverlust erlebt habt, und wenn ja, ob ihr dies als übergriffige Form davon erlebt habt!)

Zurück zur Sendung. Neben den Gemeinsamkeiten gibt es auch Unterschiede. Ich denke, die Erfahrung von Gewalt, die wir als Kind (oder auch als Erwachsene) erleben mussten, in verschiedenen Formen (emotionale, körperliche, sexuelle, rituelle, … Gewalt, eventuell auch Gewalt durch Unterlassung wie bei emotionaler und/oder physischer Vernachlässigung), trägt mindestens eine weitere Ebene von Tabuisierung mit sich.

Wenn ich mich offenbare als ein Mensch, der Gewalt als Kind erlebt hat, dann sage ich nicht, ich bin einem diffusen Schicksal ausgeliefert, wie einer Krankheit, die mir widerfährt. Ich beschuldige gleichzeitig einen oder mehrere Menschen, selbst wenn ich keine Namen nenne. Ich benenne oft genug ein oder mehrere Verbrechen. Ich benenne etwas, was eigentlich nicht sein dürfte. Und etwas, was letztlich die Steigerung, das Extrem von Strukturen ist, die unserer Gesellschaft zugrundeliegen. Das tut weh, und was wehtut, will man nicht sehen, will man wegmachen. Das ist ein zusätzliches Motiv zur Tabuisierung, dazu, uns zum Schweigen zu bringen oder in dem Schweigen, das ohnehin tief in uns eingetrichtert wurde, zu halten.