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(Un-)Sichtbarkeit von Trans* in feministischen Diskursen

Anlass dieses Posts ist, dass ich heute das Buch »ich bin kein Sexist, aber…« (Yasmina Banaszczuk, Nicole von Horst, Mithu M. Sanyal, Jasna Strick, Orlanda 2013) angelesen habe.

Es handelt sich dabei um ein Buch, dass im „Gefolge” des #aufschrei-Hashtag entstanden ist und besteht aus vier Artikeln, jeweils einem von jeder Autorin*.

Der erste Artikel ist von Nicole von Horst, „The stories we tell”. In dem Artikel geht es sowohl darum, dass die Autorin* von selbst erlebten Sexismen erzählt, als auch darum, was Storytelling, das Erzählen der eigenen Geschichte, der Geschichten, die mensch erlebt, bewirkt: Sichtbar zu werden, selbst zu sprechen oder schreiben statt dass nur über ei_nen geschrieben wird, im Gegensatz zu einer herrschenden Welt, in der viele Menschen marginalisiert und unsichtbar sind. Letztlich auch ein Aufruf an andere, auch sichtbar zu werden, auch diese Eigen-Macht zu ergreifen, auch und gerade dann, wenn die eigenen Geschichten/Narrative, das eigene Erlebte nicht einem Stereotyp entspricht – wie sieht „echter” Sexismus, „echte” Übergriffigkeit etc. aus – auch in Hinsicht auf Stereotypisierungen innerhalb von marginalisierten Gruppen selbst.

Dies spricht mich prinzipiell an, und gleichzeitig sehe ich da für mich schwieriges. Zum einen habe ich oft nicht die Energie zu schreiben und dabei mich wirklich selbst, eigenes Erlebtes zu zeigen. Selbst wenn es ermächtigend (empowering) sein kann. Zum anderen habe ich, genauso wie viele andere, viel zu verlieren. Und ich habe manchmal den Eindruck, eher noch mehr zu verlieren zu haben – jedenfalls habe ich deutliche innere Widerstände dagegen, mich zu zeigen, als Ergebnis von erlebtem genau in diesem Zusammenhang: Mich gezeigt und offenbart zu haben und dann genau damit und dadurch verletzt zu werden. Und am Ende habe ich als trans* Frau vielleicht doch auch „in Wirklichkeit” noch mehr zu verlieren als (weiße, ableisierte, …) Cis-Frauen. Da ist genau ein Zwiespalt: Ein „Outing” meiner gender history ist in vielen Kontexten sehr „kostspielig”, gleichzeitig ist deren Zeigen, Sichtbarkeit notwendig, um viele meiner Erfahrungen mit Sexismus und Cissexismus oder auch anderen *ismen überhaupt sichtbar machen zu können.

Der zweite Artikel in dem Buch zeigt für mich nun auch eine schwierige Dimension in Bezug trans* in oder nicht in feministischen Diskursen. Der Artikel heißt „Kaffeeschubsen und Machtspiele – wo fängt Sexismus an?” von Yasmina Banaszczuk. Es wird die Frage angesprochen, was ist eigentlich Sexismus? Wo sind dessen Grenzen? Was sind Unterschiede zwischen Sexismus und sexueller Belästigung und sexuellen Übergriffen? Yasmina Banaszczuk definiert Sexismus u.a. als „jenes Verhalten, welches zur Folge hat, dass sich soziale Wertunterschiede zwischen Geschlechtern fortschreiben.” Es geht auch um ungleiche Machtverteilung und deren Rechtfertigung. Konstruierte Schein-Unterschiede zwischen Geschlechtern wären z.B. also noch nicht Sexismus, wenn – wohl faktisch selten der Fall – kein Wertunterschied daran geknüpft ist. Die Formulierung sieht außerdem so aus, dass die Autorin sich der Konstruiertheit von Zweigeschlechtlichkeit bewusst ist. Sie redet nicht von „beiden Geschlechtern” oder „Mann und Frau” oder Ähnlichem, sondern von „Geschlechtern” in einer unbestimmten Mehrzahl. Unbestimmt: Nicht „den Geschlechtern”, sondern „Geschlechtern”, was eher offen lässt, welche und wie viele Geschlechter existieren mögen.

Nun lese ich auf S. 27 des Buches in dem genannten Artikel Beispiele für Sexismus: „Wie bereits festgestellt, geht es bei Sexismus um die künstliche Zuordnung einer als »natürlich« implizierten Position eines Geschlechts. Am deutlichsten bekommen dies Frauen zu spüren”. Beispiele sind dann der Gender-Pay-Gap (22% weniger Arbeitseinkommen bei Frauen*), Unterrepräsentation in führenden Ebenen, häufiger erlebte geschlechtsbezogene „unangenehme Begegnungen”. Damit „hängt das weibliche Geschlecht auf einer sozial benachteiligten Position fest.” Hierzu lese ich dann folgende Fußnote: „In diesem Text geht es um Frauen und Männer, die sich jeweils als solche verstehen. Genderqueere Menschen, die sich jenseits von Geschlechterbinarität verorten, sind wiederum auf besondere Weise von Hetero- und/oder Cissexismus betroffen.” Das stimmt wohl: Menschen, die genderqueer sind und sich so äußern und_oder so gelesen werden, werden nicht nur auf „besondere”, sondern v.a. auf intensivere Weise von *Sexismen betroffen und marginalisiert sein, im Vergleich zu als cis und genderkonform gelesenen Menschen (die das für sich selbst auch nicht verbal konterkarieren).

Jedoch macht Yasmina Banaszczuk hier unsichtbar, dass das Spektrum der Cis- und Heterosexismen und Sexismen generell nicht nur auf entweder (mehr oder weniger) genderkonformen Cis-Frauen* und nichtbinäre genderqueer Menschen beschränkt ist. Hier sehe ich z.B. meine Erfahrungen verunsichtbart. Ich werde oft als relativ genderkonforme Frau* gelesen. Und dennoch erlebe ich nicht nur „cis-typischen” Sexismen (womit ich nicht eine Beschränkung auf die oben beschriebenen Stereotypen innerhalb marginalisierter Gruppen meine, sondern generell Sexismen, wie sie Cis-Frauen* genauso erleben könnten), sondern ganz klar auch trans*-Marginalisierungen/Cissexismen und Heterosexismen. Schon meine gender history allein „reicht dafür aus”, auch ohne dass ich mich (nur) als „jenseits von Geschlechterbinarität” verorten würde.

Aber schon grundlegender sehe ich diese Fußnote und deren Formulierung als problematisch. Einerseits mag sie die Absicht haben, zumindest sichtbar zu machen, dass sich die Autorin* auf von Cis-Frauen* erlebte Sexismen konzentriert, und sich als aware zu zeigen, dass andere Menschen noch andere Formen von *Sexismen erleben können. Andererseits spricht sie von „Frauen und Männer, die sich jeweils als solche verstehen”. Dies suggeriert in meinen Augen eine unabhängige Tatsache von Frau/Mann-Sein, die getrennt davon sein kann, als welchem_n Gender_s (falls überhaupt) sich ei_ne_r zugehörig fühlt. Sprich: Die einen „sind” in einem essentialistischen Sinne Frau/Mann und verstehen sich als solche. Andere verstehen sich anders, „sind” aber dennoch Frau bzw. Mann. Oder wie? Sprich die Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit wird nur halb in Frage gestellt, zur anderen Hälfte wird dann doch eine Zweigeschlechtlich eventuell essentialistisch, als vor/unabhängig von einer sozialen Konstruktion existent, vorausgesetzt.

Und dann erlebe ich diese Fußnote noch als ein Exemplar von „über … reden” (statt mit … zu reden, oder gar … selbst reden zu lassen, zum Beispiel durch einen eigenen Artikel in dem Buch, durch Zitate o.ä.). Das ist genau das, was im ersten Artikel von Nicole von Horst kritisiert wird, und warum unter anderem Nicole von Horst die eigene Stimme ergreift und dazu ermutigt. Anstatt dass trans*, inter*, genderqueer*e, … Menschen selbst die Stimme ergreifen und das, was bereits gezeigt und geäußert und erzählt wurde, gehört wird, wird nur in einer kurzen Fußnote angedeutet, dass genderqueere Menschen spezifische *Sexismen erleben und damit ausgelöscht, dass andere als genderqueere Menschen dies auch tun (z.B. trans* Weiblichkeiten, nebenbei auch immer wieder in „feministischen” Zusammenhängen), dass dies ganz verschieden geschehen kann, und dass andererseits diese Menschen, die zusätzlich von besonderen Formen des *Sexismus wie Cissexismus und Heterosexismus betroffen sind, dennoch auch von „normalen” Sexismen betroffen sein können.

Hier hätte ich mir dann schon noch ein anderes Maß von awareness gewünscht. Und wenn ei_ne nichts darüber weiß, dann ist es evtl. ehrlicher, dies in irgendeiner Weise einzugestehen, Dinge offenzulassen. Und das kann dann vielleicht durchaus auf eine Weise geschehen, die gut ankommt, die weniger nach Erasure „riecht”. Und das kann in Ordnung sein, denn ich denke nicht, dass von allen erwartet werden kann, über alles im Detail Bescheid zu wissen. So, wie ich es jetzt gelesen habe, finde ich es nur eben schade, dass etwas, was wenige Seiten vorher, wenn auch von einer anderen Autorin* letztlich kritisiert wurde (z.B. reden über), in einer anderen intersektionellen Dimension selbst getan und reproduziert wird, und damit auch ein Machtverhältnis geschaffen: Cis-Auto_rinnen „dürfen” über Menschen, die kein Cis-Privileg haben, reden und deren Erleben definieren. (Siehe: Männer* „dürfen” über Frauen* reden und deren Erleben und Leben definieren.) Damit erlebe ich diese „Awareness” hier eher als Tokenismus statt als wirklich tiefgehend.

*: Soweit ich das ersehen kann, lese ich die Autorinnen* als Cis-Frauen. Mit dem Stern weise ich hier also nicht auf einen Raum jenseits des üblichen Konstrukts von Zweigeschlechtlichkeit hin, sondern darauf, dass auch die „gewöhnlichen” Geschlechter schon konstruiert sind.

Ehe-Gleichstellung in den USA

Heute hat nach Berichten auf BBC online und SCOTUSblog das SCOTUS (Supreme Court of the United States; Oberster Gerichtshof der Vereinigten Staaten von Amerika) entschieden, dass es zwei der elf Fälle zur gleichgeschlechtlichen Ehe bzw. Gleichstellung bei der Ehe zur Behandlung/Entscheidung annimmt.

Die Fälle sind:

United States v. Windsor, et al., 12-307: Hier geht es um einen Abschnitt im sog. „Defense of Marriage Act”, nach dem für bundesrechtliche Zwecke eine Ehe nur die zwischen Mann und Frau ist. Selbst dann, wenn z.B. ein Einzelstaat also zwei (rechtlich) Männer oder Frauen heiraten lässt oder deren anderswo (in einem anderen Bundesstaat, oder einem anderen Land wie z.B. Kanada oder manchen europäischen Ländern) geschlossene Ehe anerkennt, soll dies nach DOMA also keine Wirkung auf bundesrechtliche Regelungen haben. Dies betrifft nicht nur z.B. Hinterbliebene von Veteranen, sondern auch Steuern – wie im vorliegenden Fall beträchtlich hohe Erbschaftssteuerbeträge, die nicht anfallen würden, wenn die Verstorbene ein männlicher Ehepartner statt einer weiblichen Ehepartnerin gewesen wäre.

Auch betroffen ist z.B. das Zuwanderungsrecht. Eine gültige Ehe mit einem Amerikaner führt, wenn ich das richtig verstanden habe, zu einem unbegrenzten Aufenthaltsrecht. Aber: Durch DOMA gilt dies nur für verschiedengeschlechtliche Ehen. Gleichgeschlechtliche Ehen sind selbst dann ausgeschlossen, wenn sie in einem amerikanischen Bundesstaat komplett rechtens geschlossen wurden.

Der andere Fall ist Hollingsworth, et al., v. Perry, et al., docket 12-144, auch bekannt als Californa „Proposition 8”, wo in Kalifornien die Ehe bereits gleichgestellt zugänglich war, und durch einen Volksentscheid ein Verfassungszusatz beschlossen wurde, der die Ehe wieder auf Mann und Frau beschränkt.

In beiden Fällen behält sich das Gericht jedoch vor, die Fälle nicht in ihrer Sache zu entscheiden, falls sie möglicherweise aus formellen Gründen nicht entscheidungsreif sind. In diesem Fall würden die Entscheidungen der Vorinstanzen bestehen bleiben: Proposition 8 wäre als verfassungswidrig festgestellt, sprich die gleichgestellte Ehe könnte in Kalifornien wieder geschlossen werden – wenn ich es richtig verstehe mit eher eng umrandeter Präzedenzwirkung auf den dort zuständigen Bezirk. DOMA wäre wohl mit Wirkung auf den u.a. für den Staat New York zuständigen Bezirk rechtswidrig.

In beiden Fällen ist interessant, dass es darum geht, die Ehe selbst möglicherweise gleichzustellen. Nicht etwa, ob in dieser oder jener einzelnen Sachfrage ein anderes Rechtskonstrukt mit der Ehe gleichgestellt werden soll – wie das immer wieder hier in Deutschland mit der Eingetragenen Lebenspartnerschaft passieren muss, für jeden einzelnen Aspekt der Ungleichbehandlung neu.

Im Übrigen ist – in diesem Punkt: leider – diese Sache für US-amerikanische bzw. dort lebende Transmenschen auch interessant, denn soweit ich weiß, ist die Anerkennung der gefühlten Geschlechtsidentität noch nicht in allen Bundesstaaten so durchgesetzt, wie dies wünschenswert wäre. Wenn nun die Ehe für alle Geschlechter gleichgestellt zugänglich ist, besteht wenigstens hier kein Hindernis, unabhängig davon, ob/inwieweit die eigene Geschlechtsidentität mit der rechtlichen zusammenpasst oder passend gemacht werden kann.

L-talk und das Zwangsouting

Bei dem letzten Artikel von L-talk wird außerdem über Zwangsouting geschrieben. Genauer: Eine Mischung von Unsichtbarkeit (auch der immer noch vorhandenen Diskriminierungen) und Zwangs-Sichtbarkeit, die durch den faulen Kompromiss namens „eingetragene Lebenspartnerschaft” geschaffen wurde.

Nun. Heute ist mir etwas passiert: Ich treffe zufällig eine, mit der ich eher lose aus FrauenLesben-Zusammenhängen vor einigen Jahren bekannt war. Ich war nicht alleine, sie war nicht alleine. Ich kannte die nicht, die mit ihr war, sie vermutlich die nicht, die mit mir dabei war. Spricht sie mich an, wie’s mir geht, ich brauche einen Moment, um sie zu erkennen und „einzusortieren”, woher wir uns kennen könnten. Und gleich sagt sie was, was mich eindeutig als eine mit trans-Biographie zwangsoutet.

Mensch sollte meinen, dass sie – als (zumindest früher) in der (von feministischen Gedanken nicht unberührten) FrauenLesben-Szene aktiven FrauLesbe – sich dessen bewusst sein sollte, dass das ein NoGo ist. Aber weit gefehlt.

Offensichtlich ist für manche ein Transmensch noch ne Ebene weniger privilegiert als Cis-FrauenLesben. (Davon abgesehen, dass der_die betroffene Trans_mensch ja evtl. in mehrerlei Weise unterprivilegiert sein könnte, so von wegen Intersektionalität…)

Wie empört wäre sie wohl gewesen, wenn ich vor ihren Ohren jemand ohne/gegen seinen_ihren Willen als schwul/lesbisch geoutet hätte? Als Mensch, der als Kind sexuelle Gewalt erlebt hat? Als Mensch, der HIV-positiv ist? Als Mensch mit irgendeiner unsichtbaren Behinderung?

Vielleicht möge sich mensch mal die Cis Privilege Checklist durchschauen, vielleicht mit einem selbstkritischen und einem mitfühlenden Auge – mitfühlend mit denen, die eben das Gegenstück dazu erleben mussten/müssen? Punkt 26? 24 (selbst einige, die sich als „fortschrittlich”, feministisch sehen, bilden sich ein, es ist ganz normal, trans_Menschen zu fragen, ob sie „operiert” sind, eine Gegenfrage nach dem Aussehen ihrer Labien würden gerade feministisch eingestellte Frauen wohl in der Regel als übergriffig empfinden).

Nebenbei: Wenn von schwul-lesbischer (ja, ich schreibe absichtlich nicht GBLT o.ä.) Seite für die Aufnahme von „sexueller Identität” als protected ground (geschützte Kategorie) im speziellen Gleichstellungsgrundsatz im Grundgesetz (Art. 3 Abs. 3 GG) gelobbyt wird (oder auch genau dieser Begriff im Allgemeinen Gleichstellungsgesetz vorkommt), dann ist das genauso eine Unsichtbarkeit. Denn es wird (in Deutschland) dann angenommen, das würde sowohl die sexuelle Orientierung (heterosexuell, lesbisch, schwul, bi, …) abdecken, als auch die Geschlechtsidentität (transgender vs. cisgender). Damit (wie auch mit so Aufzählungen wie „GBLT” oder „Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle”) wird aber genau unsichtbar gemacht, dass es sich hierbei um verschiedene Bereiche handelt.

Menschen haben eine sexuelle Orientierung und eine Geschlechtsidentität (und wenn’s die ist, non-gender zu sein). Man ist nicht entweder schwul oder lesbisch oder bisexuell oder transsexuell, sondern man ist z.B. schwul und transsexuell, oder lesbisch und transsexuell, oder lesbisch und cissexuell (das begriffliche Gegenteil von „transsexuell”), oder … Auch das ist Intersektionalität.

Und eben diese Intersektionalität wird unsichtbar gemacht durch „sexuelle Identität”. Nur: Die mit Cis-Privileg braucht das ja nicht zu interessieren. Andere Intersektionalitäten sind ja zumindest eher abgedeckt (z.B. „Rasse” plus sexuelle Orientierung).

L-talk und das Bundesverfassungsgericht

Ich schaue also mal wieder auf meine Twitter-Timeline und sehe den Link auf den Artikel Die Kompromissfalle bei L-talk. Unmittelbarer Anlass des Artikels ist eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, die wieder ein kleines Stück der verbleibenden Benachteiligungen der „eingetragenen Lebenspartnerschaft” gegenüber der Hetero-Ehe wegstreicht.

Richtigerweise stellt die Autorin („in” nehme ich mal an) fest, dass sich das Eichhörnchen mühsam ernährt. Dass durch die jetzt, seit grob 10 Jahren bestehende Situation, durch den faulen Kompromiss der damals von Rot-Grün (Volker Beck ist diesbezüglich „mein Liebling” – Ironie bitte behalten), frauen_männer sich jedes noch so kleine Recht mühsam erstreiten müssen, gegen jede Diskriminierung einzeln mühsam klagen müssen.

Ich könnte etwas gehässig sein: Da kriegt „ihr” (die Lesben und Schwule, die Eheprivilegien wollen) mal hautnah mit, wie es Transmenschen schon seit mindestens (!) den 70er Jahren in Deutschland geht, also seit 40 (vierzig!) Jahren. Nur in dem Fall noch gesteigert: Nicht nur um Privilegien zu bekommen (als solches sehe ich die Ehe!) musste geklagt werden, sondern für das, was für andere Menschen selbstverständlich ist – wirklich passende Papiere (nach einem Verfahren von fast einem Jahrzehnt vom BVerfG 1978 überhaupt mal gewährt), und das auch, wenn mensch eine Partnerschaft rechtlich absichern will (vulgo die für andere Menschen zugänglichen Privilegien nutzen will) oder diese Absicherung behalten will. Selbst ganz fundamentale Menschenrechte wie die körperliche Unversehrtheit, der Schutz vor Zwangssterilisation/-kastration (Nazizeit, ich hör Dir trapsen) musste mensch vor dem BVerfG einklagen. (Und intersexuelle Menschen sind selbst 2011 noch nicht an dem Punkt, die „dürfen” immer noch genitalverstümmelt werden, im Gegensatz zu nicht-intersexuellen Mädchen, die in Deutschland wenigstens davor eher sicher sind.)

Wenn ich nun einen ein wenig älteren Artikel bei L-talk ausgrabe, nämlich vom 17. Juli 2012, anlässlich von 10 Jahren nach dem Urteil des BVerfGE zur sogenannten Homo-Ehe, dann wird dort genau eines der Transsexuellen-Urteile zitiert (Scheidungszwang verfassungswidrig). Wenn jedoch die Zitierung ohnehin etwas frei ist – und das ist sie m.E., denn das TSG ist selbst heute, noch mindestens ein Urteil des BVerfG weiter, nicht als komplett verfassungswidrig festgestellt – dann hätte ich mir in einem feministischen Projekt wie L-talk im Jahre 2012 gewünscht, dass das ruhig auch etwas kritischer wiedergegeben werden könnte: Entweder den in Wirklichkeit unpassenden Begriff der „Geschlechtsumwandlung” gar nicht erst verwenden oder sich zumindest kurz kritisch damit auseinanderzusetzen.

Ja, die Artikelschreiberin wünscht sich hier wie dort lieber eine echte Gleichstellung, wenn und solange es schon eine Institution wie Ehe (bzw. etwas ähnliches) gibt. Und das ist ja auch berechtigt. Würde es an anderen Ecken auch brauchen (z.B. wirklich selbstbestimmte Regelungen für das, was viele Trans*-Menschen brauchen, denn selbst mit den vielen durch das BVerfG erzwungenen Änderungen ist das Transsexuellengesetz immer noch restriktiv und fremdbestimmt).

Von der institutionalisierten Politik da mehr Mut zu erwarten ist hier leider aus meiner Sicht illusorisch. Die CDU wird wohl leider auf absehbare Zeit ein Bremsklotz bleiben. Die FDP ist aus meiner Sicht nicht liberal, was wirkliche Bürgerrechte angeht (setzt sie sich z.B. für die Freiheit von Namensänderungen ein? Eigene Entscheidung über Namen und Personenstand ohne Restriktionen, Gutachterzwang?). Freiheit scheint für die FDP vor allem die Freiheit von Kapitalgesellschaften zu sein. Selbst bei SPD und Grünen sehe ich das nicht. Selbst Volker Beck (Grüne), damaliger Betreiber der eingetragenen Partnerschaft hat die Gleichstellung verraten (sowohl überhaupt die Ungleichheiten zur Ehe zugelassen, aber auch den Zugang von Transsexuellen zu Ehe bzw. Lebenspartnerschaft vermutlich wissentlich „ausgelassen” – was ja das BVerfG erst korrigieren musste – eine diesbezügliche Petition wurde erst dann ernstlich „bearbeitet”, als sie durch die Entscheidung des BVerfG, Jahre später, gegenstandslos war).

Einen wirklichen Mut auf Rechtsprechungsseite sehe ich auch nicht – im Gegensatz zum Richter Vaughn Walker des US-Bezirksbundesgerichts für Nordkalifornien im August 2010, der festgestellt hatte, dass die Ehe die Verschiedengeschlechtlichkeit nicht als Kernmerkmal hat, und es daher verfassungswidrig ist, gleichgeschlechtlichen Paaren den Zugang zur Ehe, die man verschiedengeschlechtlichen Paaren zugesteht, zu verweigern.

Mutig wäre, wenn das BVerfG zumindest beiläufig in Urteilsbegründungen andeuten würde, dass sich das Verständnis von Ehe wandeln kann und bereits gewandelt hat (z.B. dadurch, dass in der Umgangssprache von „heiraten”, „verheiratet” und „Ehe” die Rede ist in bezug auf die eingetr. Lebenspartnerschaft, und sich kaum jemand außer den Betroffenen der rechtlichen Unterschiede bzw. Benachteiligungen überhaupt bewusst ist), und dass es somit denkbar ist, dass das Verständnis des Begriffs „Ehe” in Art. 6 Abs. 1 GG in evtl. sogar naher Zukunft auch auf Paare gleichen Geschlechts (sprich insgesamt und letztlich Paare egal welcher Geschlechter) beziehen können würde – an anderen Stellen ist das BVerfG für eine lebendige Auslegung der Grundrechte durchaus offen.

Wenn eine solche „Einladung” dann da wäre, könnte sie dann auch genutzt werden, um eben die Rechtsfrage vor das BVerfG zu bringen: Gebietet der Gleichheitsgrundsatz und der Wandel in der Gesellschaft, die zivilrechtliche Institution der Ehe für alle Paare zu öffnen? Z.B. dadurch, dass ein gleichgeschlechtliches Paar, dass die Partnerschaft eingehen will, eben ausdrücklich die Ehe und ausdrücklich nicht die Lebenspartnerschaft vor dem Standesamt einzugehen begehrt, und bei Verweigerung den Rechtsweg geht.

Diesen Mut seitens des BVerfG sehe ich aber leider auch in der letzten Entscheidung ausdrücklich nicht. Es hält auch da ausdrücklich an der Ehe zwischen Mann und Frau fest und begründet seine Entscheidung nur aus Art. 3 GG, ohne den Blick ansonsten zu weiten.

Maischberger, Sexismus und sexuelle Ausbeutung…

Am Dienstag gab es die Sendung Gefährliche Liebschaften oder wahre Liebe? bei Maischberger. Dort hat sie verschiedene Themen vermischt: Heiratsschwindel, Affären, One-Night-Stands, Heiratsvermittlung von Frauen aus ärmeren Ländern.

Den gefühlten Hauptteil der Sendung hat aber die Geschichte von Renata Juras & Ervin Unterlechner, die aus Österreich stammen und dort leben, eingenommen. Renata Juras war die Handballtrainerin des damals 13-jährigen Ervin Unterlechner. Die beiden haben sich nach eigenen Angaben „ineinander verliebt”. Doch blieb es nicht dabei, es kam noch mehrere Monate vor dem 14-ten Geburtstag des Jungen zum „Sex”. Desweiteren haben diese ihre „Beziehung” – einschließlich der „sexuellen Kontakte” – nicht verheimlicht. So kam es dazu, dass die Frau, auf eine Anzeige des Stiefvaters des Jungen hin, wegen sexuellen Missbrauchs zu einer Haftstrafe von 22 Monaten auf Bewährung verurteilt wurde.

Es verwundert, dass die Bewährung gewährt und auch später nicht widerrufen wurde. Denn normalerweise kommt eine Strafaussetzung zur Bewährung nur dann in Frage, wenn man davon ausgehen kann, dass die Verurteilte schon durch das Urteil allein von weiteren Straftaten abgehalten wird. Und auch in Österreich gibt es neben der Regelung, die jeglichen sexuellen Kontakt mit Menschen unter 14 Jahren komplett verbietet, noch abgestufte weitere Regelungen, die zum Beispiel bei Ausnutzen der Unreife oder einer Autoritätsposition – so der Position als Sport-Trainer_in! – höhere Altersgrenzen (16 bzw. 18 Jahre) vorsehen. Dies ist in dem offenen Brief von mehreren Betroffenen sexualisierter Gewalt an die Maischberger-Redaktion, veröffentlicht bei NetzwerkB, auch detailliert dargestellt.

Zurück zu der Sendung als solcher: Hier wurde eine Plattform gegeben, um die Verharmlosung und Bagatellisierung sexualisierter Gewalt bzw. sexueller Ausbeutung sowie einfachst gestrickten Sexismus zu propagieren.

Die meiste Zeit durften Leute reden wie Renata Juras, die zwar bereut, dass sie rein juristisch gegen das Gesetz verstoßen hat, aber anonsten zu ihrer „Liebe” steht, also: Eigentlich nichts falsches daran sieht, den Fehler eher im Gesetz als an ihrem Verhalten sieht. Wo eigentlich bekannt ist, dass in solchen Konstellationen, die in Wirklichkeit ja nicht einzigartig sind, die_der Erwachsene in der Verantwortung steht, die Grenzen zu wahren, durfte sie stattdessen der „Enttabuisierung” einer einfach eben „etwas ungewöhnlichen Liebe” nahezu komplett unwidersprochen eine Lanze brechen.

Ervin Unterlechner bot dazu den passenden Gegenpart: Er lehnt eine Selbstsicht als Opfer sexualisierter Gewalt, sexuellen Missbrauchs ab. Nun ist ein Muster von Verleugnung, vor allem wenn die Situation noch fortgesetzt stattfindet, wie Menschen, die sich mit sexualisierter Gewalt befassen, wissen, nicht untypisch. Auch sonst brauchen einige Opfer von „sanft” beginnendem sexuellen Missbrauch, gerade wenn er in gesellschaftlich noch nicht so als Missbrauch und Gewalt benannten Konstellationen (z.B. Jungen bzw. Männer als Opfer, Frauen als Täterinnen) stattfindet, einige Zeit, das Erlebte für sich überhaupt als (sexuelle/sexualisierte) Gewalt, Missbrauch, Ausbeutung benennen zu können. Und gleichzeitig bedeutet dies nicht, dass das Erlebte vor dieser Benennung und Bewertung unschädlich gewesen wäre. Meist sind schon vorher Folgen da, nur eben (noch) nicht bewusst verbunden mit dem Erlebten. Und gerade die vermeintliche Sanftheit – subtile statt offene Gewalt bzw. Grenzüberschreitung – kann noch eine Dimension von Verwirrung hinzufügen, die sich anders äußert, als wenn das Erlebte in offenerer Form grenzüberschreitend ist und z.B. auch offener körperliche Gewalt einschließt – ohne hiermit eine Bewertung schlimmer/weniger schlimm zu beabsichtigen.

Zu Frau Maischberger nur ein Beispiel: Im Dialog mit Christian Lüdke (der in 7-Jahres-Entwicklungsschritten argumentiert und Männer erst mit 28 Jahren in der Stufe der Partnerwahl sieht) argumentiert sie damit, dass Ervin Unterlechner jedenfalls jetzt recht erwachsen erscheint. Wie war das nochmal? (Erzwungene) Frühreife als Folge von Missbrauch?

Lisa Fitz – die paradoxerweise in einer Einblendung als „Überzeugte Feministin” bezeichnet wurde – nutzte die Gelegenheit, die vorliegende Konstellation durch die Erwähnung der „Knabenliebe” im alten Griechenland zu bagatellisieren. Was damals (angeblich) nicht schlimm war, kann es heute auch nicht sein. Und das ist ja etwas gaaanz anderes als bei Mädchen. (Von mir dazuinterpretiert: Denn bei den Griechen gab es ja keine „Mädchenliebe”, nicht wahr?) Nur, wenn solche Argumente angebracht werden, kann man genauso z.B. die Zwangsverheiratung junger Mädchen bagatellisieren. Oder das Prügeln von Kindern. (Bibel.) Hierzu empfehle ich die Lektüre von „Das bestgehütete Geheimnis: Sexueller Kindesmißbrauch” von Florence Rush.

Und nein, für mich verträgt sich Feminismus und Sexismus nicht. Egal, in welcher Gestalt der Sexismus daherkommt. Auch wenn er sich konkret als Benachteiligung von Jungen/Männern (oder wer so genannt wird) äußert. Wie hätten sich Lisa Fitz, wie Christian Lüdke geäußert, wenn es sich um ein 13-jähriges Mädchen gehandelt hätte, was sich in einen ca. 40-jährigen Mann „verliebt” hätte? Man achte auch auf die Sprache. Im einen Fall redet sie von einem „jungen Mann”, im anderen Fall von einem „Mädchen” – obwohl in der Passage vom Vergleich Gleichaltriger die Rede war! Und der junge Mann braucht ihrer Meinung nach keine gleichartigen Grenzen, weil er seine sexuellen Wünsche „immer noch offensiver lebt und ausübt”, und weil in das Mädchen „eingedrungen wird”, es „genommen wird” und der Mann (sic!) aktiver sei. Langfristig könne dem Mann nichts besseres passieren, als dass er an jemanden gerät, wo er etwas lernt – sexuell, intellektuell, emotional, etc. Gerade dieses letzte „Argument” hätte sie ja genauso auf Mädchen, oder, um ihre Sprachregelung mal umzudrehen „junge Frauen”, anwenden können.

Genau das letzte ist das, was von männlichen Opfern sexueller Gewalt inzwischen als ein Punkt eingesehen wird, warum es oft schwerer ist bzw. war zu reden, das Erlebte als Missbrauch bzw. Gewalt zu sehen: Das gesellschaftliche Bild, dass sexuelle Gewalt gegen Jungen „uminterpretiert” wird als „Lernerfahrung”, letztlich eine Aufwertung; der Junge als „aktiver Part” (überkommenes sexistisches Rollenbild) habe eine „Eroberung” gemacht. Während bei sexueller Gewalt gegen Mädchen das gesellschaftliche Bild schon länger „ gekippt wurde. Von früher der „sündigen Verführerin”, der „Hure”, wo der (oft als ausschließlich männlich dargestellte) Täter zum Opfer stilisiert wurde (man denke an den Ödipus- bzw. Elektra-Komplex!) zur Opferrolle, die hier eher mit sexistischen Rollenverständnissen in Einklang zu bringen ist – Frau bzw. Mädchen als passiver Part. Und gleichzeitig wieder diskriminierende Sprachregelungen, zum Beispiel: Das Kind bzw. das Mädchen wird „geschändet”.

Und das ist genau der Punkt, wo antisexistische Arbeit am Thema sexuelle Gewalt, gerade auch von Seiten männlicher Betroffener, ansetzt: Auch Jungen sind nicht der aktive Part; auch Jungen werden nicht „aufgewertet” durch das Erleben sexueller Gewalt (sei sie subtil und „sanft”, sei sei offen gewaltsam). Auch Jungen gewinnen nicht dadurch. Auch hier sind die Spätfolgen destruktiv und deren Bearbeitung und (soweit möglich) Überwindung kostet viel Kraft. Auch hier wird oft genug die Sexualität, das emotionale Erleben und viel mehr geschädigt (und nicht etwa durch „Lernerfahrungen” bereichert).

Womit wir bei eben dem Christian Lüdke wären. „Ein biologisches Grundgesetz besteht darin, dass Frauen uns Männer aussuchen.” So zum Beispiel ein Zitat. Also zurück zum biologistischen Essentialismus. Mit solchen Statements reiht sich Herr Lüdke nahtlos ein bei z.B. Pease&Pease. Und die ödipale Phase darf natürlich auch nicht fehlen… Immerhin, im Ergebnis sieht er die Verantwortung für das Wahren der Grenzen bei Erwachsenen.

Im Nachsatz noch etwas zu einem weiteren Thema der Sendung: Der Heiratsvermittlung mit Frauen aus ärmeren Ländern (z.B. ehemaliger Ostblock, oder sog. Entwicklungsländern). Auch hier wurde das Thema der sexuellen Ausbeutung nur kurz angerissen, es wurde kritisch gefragt, ob nicht durch wirtschaftliche und rechtliche Zwänge –die Frauen kommen aus armen Ländern ins reiche Deutschland, auch um der Armut zu entfliehen und/oder in der Hoffnung, ihren Familien so finanziell helfen zu können; der Aufenthaltsstatus ist in den ersten Jahren abhängig vom Weiterbestehen der Ehe, so dass ein Ausbrechen aus einer unbefriedigenden oder gar offen ausbeuterischen Lebenssituation deutlich erschwert ist – faktisch eine Zwangssituation besteht, die hier ausgenutzt wird. Jedoch hatte faktisch der Heiratsvermittler Wolfgang Blankmeister, dessen Motivation unverhohlen ist, dass deutsche Frauen inzwischen zu anspruchsvoll seien, deutlich mehr Raum, sein Tun zu verteidigen, ein unkritisches Bild davon darzustellen. Dabei ist ja durch dieses Eingeständnis schon alles gesagt: Durch das Machtgefälle gelingt es, gefügigere Frauen zu bekommen. Weiter stellt er dar, dass er auch nach der Vermittlung sowieso keinen Einblick hat, inwieweit die vermittelten Ehen intakt sind oder nicht.

Im ganzen, für Menschen, die selbst (direkt) Betroffene von Gewalt, Sexismus, Ausbeutung sind, und auch für Menschen, die auf andere Weise hierfür sensibilisiert sind, eine schockierende Sendung.

Es freut mich, dass Betroffene mehrere offene Briefe bzw. Pressemitteilungen verfasst und veröffentlicht haben und damit für klaren Gegenwind sorgen.

Heterosexismus mal anders

So kann’s gehen, wenn Heterosexismus nach hinten losgeht.

Handout emanzipatorische/dekonstruktive Jungen_arbeit

Im Wer-lebt-mit-wem-Blog habe ich ein Handout einer Veranstaltung „Geschlechterverhältnisse im
Mixer? – Impulse kritischer Jungen_arbeit für Lebenszusammenhänge mit Kind(ern)“ über kritische/emanzipatorische/dekonstruktive Jungen_arbeit gefunden.

„Burn-Out-Syndrom“

Gerade läuft eine Sendung über „Burn-Out-Syndrom”.

Ein Punkt hat mich geärgert: Sinngemäß hörte es sich für mich so an, als ob man dort von der/einer am meisten tabuisierten Krankheit geredet hätte. (Ich habe den Wortlaut nicht mehr genau in Erinnerung.)

Das sehe ich nicht so. Ich höre das, wenn Menschen erzählen, dass sie es schwer oder unmöglich fanden, Mitmenschen (Kollegen, Verwandten, Partner_innen, …) von ihrem Burn-Out bzw. ihrer Depression (Burn-Out ist, soweit ich das verstanden habe, eine Form von Depression; wird auch „Erschöpfungsdepression” genannt) zu erzählen. Ich nehme wahr, dass auch hier Menschen oft versuchen, eine Maske des Funktionierens aufrechtzuerhalten, selbst wenn in ihrem Inneren ein ganz anderer Zustand da ist.

Nur: Das ist nicht ausschließlich bei Menschen mit Burn-Out bzw. Depression so. Ich kenne das genauso, wie ich dies lange Zeit erlebt habe. Und genauso nehme ich das bei vielen anderen Menschen, die Gewalt erleben mussten, wahr.

Auch anderswo scheint es Parallelen zu geben:

Es wurde gesagt, Depression hat viele verschiedene Erscheinungsbilder. Das haben die Folgen von (sexueller, aber auch anderer) Gewalt auch.

Depression ist lebensgefährlich. Das ist Gewalt auch (Artikel über eine Studie zu Suizidrisiko bei Posttraumatischer Belastungsstörung generell (englischsprachig), Artikel über eine Studie über langfristiges erhöhtes Suizidrisiko nach sexuellem Kindesmissbrauch (englischsprachig)), selbst wenn die Gewalt auf der rein körperlichen Ebene nicht direkt das Leben bedroht hat.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist: Bei Männern ist es noch mehr tabuisiert als bei Frauen. Dies ist Teil des gesellschaftlichen Konstrukts der Geschlechter (gender), sprich der Geschlechterrolle. Hier: Männer sollen Gefühle und Schwächen nicht zeigen. Dies dazu zu dem, dass Schwäche generell in dieser Gesellschaft etwas von Unterlegenheit, Unterwerfung, Minderwertigkeit beinhaltet.

Was ich auch schwierig finde, ist ein recht biologistischer Diskurs und das Konzept der Fremdbestimmung. Hier tut sich Professor Florian Holsboer – auch zu Gast bei besagter Sendung – hervor. Er wird sicher aus seiner Sicht gute Absichten haben. Die Struktur dahinter ist aus meiner Sicht dennoch die: Der Mensch ist eine biologische „Maschine” und was mit uns los ist, wird im Idealfall durch eine fachliche, sprich Fremd-Diagnose bestimmt, und auf dieser Diagnose beruht dann die Hilfe.

Das steht dem Prinzip der Definitionsmacht (und auch dem betroffenenkontrollierten Ansatz) entgegen. Wenn ich die Beschreibung dort lese und verallgemeinere: Ich bestimme selbst, was mit mir ist, was ich empfinde, was ich will und nicht will, was für eine Hilfe ich will oder nicht will (und ich habe auch das Recht, dies jederzeit neu zu bestimmen). Ich darf meine Wirklichkeit selbst definieren. Die Anwendung davon ist auch, dass die Frau (in Wirklichkeit allgemeiner: der Mensch, es sieht nur immer noch so aus, dass es überwiegend Frauen sind!) selbst definiert und abgrenzt, war es nun ein sexueller Übergriff oder nicht.

Die Definitionsmacht gibt uns die Kontrolle zurück, während auch ein Konzept von Fremddiagnose eine neue Erfahrung von Ausgeliefertsein bzw. Kontrollverlust schaffen kann. (Wobei: Auch hier hat jede_r die eigene Definitionsmacht: Wenn ihr selbst eine diagnostische Leistung in Anspruch nehmt, dürft ihr selbst entscheiden, ob ihr es als Ausgeliefertsein bzw. Kontrollverlust erlebt habt, und wenn ja, ob ihr dies als übergriffige Form davon erlebt habt!)

Zurück zur Sendung. Neben den Gemeinsamkeiten gibt es auch Unterschiede. Ich denke, die Erfahrung von Gewalt, die wir als Kind (oder auch als Erwachsene) erleben mussten, in verschiedenen Formen (emotionale, körperliche, sexuelle, rituelle, … Gewalt, eventuell auch Gewalt durch Unterlassung wie bei emotionaler und/oder physischer Vernachlässigung), trägt mindestens eine weitere Ebene von Tabuisierung mit sich.

Wenn ich mich offenbare als ein Mensch, der Gewalt als Kind erlebt hat, dann sage ich nicht, ich bin einem diffusen Schicksal ausgeliefert, wie einer Krankheit, die mir widerfährt. Ich beschuldige gleichzeitig einen oder mehrere Menschen, selbst wenn ich keine Namen nenne. Ich benenne oft genug ein oder mehrere Verbrechen. Ich benenne etwas, was eigentlich nicht sein dürfte. Und etwas, was letztlich die Steigerung, das Extrem von Strukturen ist, die unserer Gesellschaft zugrundeliegen. Das tut weh, und was wehtut, will man nicht sehen, will man wegmachen. Das ist ein zusätzliches Motiv zur Tabuisierung, dazu, uns zum Schweigen zu bringen oder in dem Schweigen, das ohnehin tief in uns eingetrichtert wurde, zu halten.