Tag-Archiv für 'sexualpolitik'

Maischberger, Sexismus und sexuelle Ausbeutung…

Am Dienstag gab es die Sendung Gefährliche Liebschaften oder wahre Liebe? bei Maischberger. Dort hat sie verschiedene Themen vermischt: Heiratsschwindel, Affären, One-Night-Stands, Heiratsvermittlung von Frauen aus ärmeren Ländern.

Den gefühlten Hauptteil der Sendung hat aber die Geschichte von Renata Juras & Ervin Unterlechner, die aus Österreich stammen und dort leben, eingenommen. Renata Juras war die Handballtrainerin des damals 13-jährigen Ervin Unterlechner. Die beiden haben sich nach eigenen Angaben „ineinander verliebt”. Doch blieb es nicht dabei, es kam noch mehrere Monate vor dem 14-ten Geburtstag des Jungen zum „Sex”. Desweiteren haben diese ihre „Beziehung” – einschließlich der „sexuellen Kontakte” – nicht verheimlicht. So kam es dazu, dass die Frau, auf eine Anzeige des Stiefvaters des Jungen hin, wegen sexuellen Missbrauchs zu einer Haftstrafe von 22 Monaten auf Bewährung verurteilt wurde.

Es verwundert, dass die Bewährung gewährt und auch später nicht widerrufen wurde. Denn normalerweise kommt eine Strafaussetzung zur Bewährung nur dann in Frage, wenn man davon ausgehen kann, dass die Verurteilte schon durch das Urteil allein von weiteren Straftaten abgehalten wird. Und auch in Österreich gibt es neben der Regelung, die jeglichen sexuellen Kontakt mit Menschen unter 14 Jahren komplett verbietet, noch abgestufte weitere Regelungen, die zum Beispiel bei Ausnutzen der Unreife oder einer Autoritätsposition – so der Position als Sport-Trainer_in! – höhere Altersgrenzen (16 bzw. 18 Jahre) vorsehen. Dies ist in dem offenen Brief von mehreren Betroffenen sexualisierter Gewalt an die Maischberger-Redaktion, veröffentlicht bei NetzwerkB, auch detailliert dargestellt.

Zurück zu der Sendung als solcher: Hier wurde eine Plattform gegeben, um die Verharmlosung und Bagatellisierung sexualisierter Gewalt bzw. sexueller Ausbeutung sowie einfachst gestrickten Sexismus zu propagieren.

Die meiste Zeit durften Leute reden wie Renata Juras, die zwar bereut, dass sie rein juristisch gegen das Gesetz verstoßen hat, aber anonsten zu ihrer „Liebe” steht, also: Eigentlich nichts falsches daran sieht, den Fehler eher im Gesetz als an ihrem Verhalten sieht. Wo eigentlich bekannt ist, dass in solchen Konstellationen, die in Wirklichkeit ja nicht einzigartig sind, die_der Erwachsene in der Verantwortung steht, die Grenzen zu wahren, durfte sie stattdessen der „Enttabuisierung” einer einfach eben „etwas ungewöhnlichen Liebe” nahezu komplett unwidersprochen eine Lanze brechen.

Ervin Unterlechner bot dazu den passenden Gegenpart: Er lehnt eine Selbstsicht als Opfer sexualisierter Gewalt, sexuellen Missbrauchs ab. Nun ist ein Muster von Verleugnung, vor allem wenn die Situation noch fortgesetzt stattfindet, wie Menschen, die sich mit sexualisierter Gewalt befassen, wissen, nicht untypisch. Auch sonst brauchen einige Opfer von „sanft” beginnendem sexuellen Missbrauch, gerade wenn er in gesellschaftlich noch nicht so als Missbrauch und Gewalt benannten Konstellationen (z.B. Jungen bzw. Männer als Opfer, Frauen als Täterinnen) stattfindet, einige Zeit, das Erlebte für sich überhaupt als (sexuelle/sexualisierte) Gewalt, Missbrauch, Ausbeutung benennen zu können. Und gleichzeitig bedeutet dies nicht, dass das Erlebte vor dieser Benennung und Bewertung unschädlich gewesen wäre. Meist sind schon vorher Folgen da, nur eben (noch) nicht bewusst verbunden mit dem Erlebten. Und gerade die vermeintliche Sanftheit – subtile statt offene Gewalt bzw. Grenzüberschreitung – kann noch eine Dimension von Verwirrung hinzufügen, die sich anders äußert, als wenn das Erlebte in offenerer Form grenzüberschreitend ist und z.B. auch offener körperliche Gewalt einschließt – ohne hiermit eine Bewertung schlimmer/weniger schlimm zu beabsichtigen.

Zu Frau Maischberger nur ein Beispiel: Im Dialog mit Christian Lüdke (der in 7-Jahres-Entwicklungsschritten argumentiert und Männer erst mit 28 Jahren in der Stufe der Partnerwahl sieht) argumentiert sie damit, dass Ervin Unterlechner jedenfalls jetzt recht erwachsen erscheint. Wie war das nochmal? (Erzwungene) Frühreife als Folge von Missbrauch?

Lisa Fitz – die paradoxerweise in einer Einblendung als „Überzeugte Feministin” bezeichnet wurde – nutzte die Gelegenheit, die vorliegende Konstellation durch die Erwähnung der „Knabenliebe” im alten Griechenland zu bagatellisieren. Was damals (angeblich) nicht schlimm war, kann es heute auch nicht sein. Und das ist ja etwas gaaanz anderes als bei Mädchen. (Von mir dazuinterpretiert: Denn bei den Griechen gab es ja keine „Mädchenliebe”, nicht wahr?) Nur, wenn solche Argumente angebracht werden, kann man genauso z.B. die Zwangsverheiratung junger Mädchen bagatellisieren. Oder das Prügeln von Kindern. (Bibel.) Hierzu empfehle ich die Lektüre von „Das bestgehütete Geheimnis: Sexueller Kindesmißbrauch” von Florence Rush.

Und nein, für mich verträgt sich Feminismus und Sexismus nicht. Egal, in welcher Gestalt der Sexismus daherkommt. Auch wenn er sich konkret als Benachteiligung von Jungen/Männern (oder wer so genannt wird) äußert. Wie hätten sich Lisa Fitz, wie Christian Lüdke geäußert, wenn es sich um ein 13-jähriges Mädchen gehandelt hätte, was sich in einen ca. 40-jährigen Mann „verliebt” hätte? Man achte auch auf die Sprache. Im einen Fall redet sie von einem „jungen Mann”, im anderen Fall von einem „Mädchen” – obwohl in der Passage vom Vergleich Gleichaltriger die Rede war! Und der junge Mann braucht ihrer Meinung nach keine gleichartigen Grenzen, weil er seine sexuellen Wünsche „immer noch offensiver lebt und ausübt”, und weil in das Mädchen „eingedrungen wird”, es „genommen wird” und der Mann (sic!) aktiver sei. Langfristig könne dem Mann nichts besseres passieren, als dass er an jemanden gerät, wo er etwas lernt – sexuell, intellektuell, emotional, etc. Gerade dieses letzte „Argument” hätte sie ja genauso auf Mädchen, oder, um ihre Sprachregelung mal umzudrehen „junge Frauen”, anwenden können.

Genau das letzte ist das, was von männlichen Opfern sexueller Gewalt inzwischen als ein Punkt eingesehen wird, warum es oft schwerer ist bzw. war zu reden, das Erlebte als Missbrauch bzw. Gewalt zu sehen: Das gesellschaftliche Bild, dass sexuelle Gewalt gegen Jungen „uminterpretiert” wird als „Lernerfahrung”, letztlich eine Aufwertung; der Junge als „aktiver Part” (überkommenes sexistisches Rollenbild) habe eine „Eroberung” gemacht. Während bei sexueller Gewalt gegen Mädchen das gesellschaftliche Bild schon länger „ gekippt wurde. Von früher der „sündigen Verführerin”, der „Hure”, wo der (oft als ausschließlich männlich dargestellte) Täter zum Opfer stilisiert wurde (man denke an den Ödipus- bzw. Elektra-Komplex!) zur Opferrolle, die hier eher mit sexistischen Rollenverständnissen in Einklang zu bringen ist – Frau bzw. Mädchen als passiver Part. Und gleichzeitig wieder diskriminierende Sprachregelungen, zum Beispiel: Das Kind bzw. das Mädchen wird „geschändet”.

Und das ist genau der Punkt, wo antisexistische Arbeit am Thema sexuelle Gewalt, gerade auch von Seiten männlicher Betroffener, ansetzt: Auch Jungen sind nicht der aktive Part; auch Jungen werden nicht „aufgewertet” durch das Erleben sexueller Gewalt (sei sie subtil und „sanft”, sei sei offen gewaltsam). Auch Jungen gewinnen nicht dadurch. Auch hier sind die Spätfolgen destruktiv und deren Bearbeitung und (soweit möglich) Überwindung kostet viel Kraft. Auch hier wird oft genug die Sexualität, das emotionale Erleben und viel mehr geschädigt (und nicht etwa durch „Lernerfahrungen” bereichert).

Womit wir bei eben dem Christian Lüdke wären. „Ein biologisches Grundgesetz besteht darin, dass Frauen uns Männer aussuchen.” So zum Beispiel ein Zitat. Also zurück zum biologistischen Essentialismus. Mit solchen Statements reiht sich Herr Lüdke nahtlos ein bei z.B. Pease&Pease. Und die ödipale Phase darf natürlich auch nicht fehlen… Immerhin, im Ergebnis sieht er die Verantwortung für das Wahren der Grenzen bei Erwachsenen.

Im Nachsatz noch etwas zu einem weiteren Thema der Sendung: Der Heiratsvermittlung mit Frauen aus ärmeren Ländern (z.B. ehemaliger Ostblock, oder sog. Entwicklungsländern). Auch hier wurde das Thema der sexuellen Ausbeutung nur kurz angerissen, es wurde kritisch gefragt, ob nicht durch wirtschaftliche und rechtliche Zwänge –die Frauen kommen aus armen Ländern ins reiche Deutschland, auch um der Armut zu entfliehen und/oder in der Hoffnung, ihren Familien so finanziell helfen zu können; der Aufenthaltsstatus ist in den ersten Jahren abhängig vom Weiterbestehen der Ehe, so dass ein Ausbrechen aus einer unbefriedigenden oder gar offen ausbeuterischen Lebenssituation deutlich erschwert ist – faktisch eine Zwangssituation besteht, die hier ausgenutzt wird. Jedoch hatte faktisch der Heiratsvermittler Wolfgang Blankmeister, dessen Motivation unverhohlen ist, dass deutsche Frauen inzwischen zu anspruchsvoll seien, deutlich mehr Raum, sein Tun zu verteidigen, ein unkritisches Bild davon darzustellen. Dabei ist ja durch dieses Eingeständnis schon alles gesagt: Durch das Machtgefälle gelingt es, gefügigere Frauen zu bekommen. Weiter stellt er dar, dass er auch nach der Vermittlung sowieso keinen Einblick hat, inwieweit die vermittelten Ehen intakt sind oder nicht.

Im ganzen, für Menschen, die selbst (direkt) Betroffene von Gewalt, Sexismus, Ausbeutung sind, und auch für Menschen, die auf andere Weise hierfür sensibilisiert sind, eine schockierende Sendung.

Es freut mich, dass Betroffene mehrere offene Briefe bzw. Pressemitteilungen verfasst und veröffentlicht haben und damit für klaren Gegenwind sorgen.

Aus aktuellem Anlass: Religion(skritik)

Nächste Woche ist ja mit dem Herrn Ratzinger das Staatsoberhaupt der letzten in Europa verbliebenen absolutistischen Monarchie, die zugleich ein Gottesstaat ist, in Deutschland zu Besuch.

Aus vielen guten Gründen wird dies zum Anlass für Demonstrationen genommen. Die unmittelbaren Anlässe sind klar: Eine Sexualmoral, die schon im letzten Jahrhundert veraltet war und die viele Menschenleben kostet. Die Tatsache, dass in Deutschland Staat und Kirche sowieso immer noch viel zu sehr verquickt sind. Und so weiter…

Dort hört die Analyse und damit die Begründung des Protestes nicht auf. Die Bündnisse in Berlin und Freiburg gehen prinzipiell zu Recht über solche direkte Kritikpunkte hinaus und decken grundlegendere Verflechtungen auf.

Der Aufruf des Freiburger Bündnisses benennt die Fixierung eines konservativen, heteronormativen Familienbildes im Rahmen eines zweigeschlechtlichen Rollenbildes, „natürlich“ mit einer Unterordnung von Frauen unter Männer. Die Kritik benennt auch, dass dieses Bild immer noch Spuren auch in unser nominell säkularen Gesellschaft hinterlässt, zum Beispiel in der derzeitigen Familienpolitik oder der rechtlichen Regelung der Abtreibung.

Desweiteren wird der Antisemitismus benannt; hier hat die katholische Kirche unter Herrn Ratzinger klar wieder die „Versöhnung“ zum rechten Rand, z.B. der sog. Piusbruderschaft unter Williamson, gesucht, somit also die Grenzen zum dort offen gezeigten Antisemitismus und der offenen Leugnung des Holocaust fallen lassen. Damit knüpft sie an frühere antisemitische Logiken an, die sich auch aus dem christlichen Anspruch auf die alleinige Wahrheit ergaben.

Weiter folgt die Kritik an vor allem organisierter Religion.

Das eine Argument, in verschiedenen konkreten Ausformungen, ist das der organisierten Kirche als Machtinstrument. Im konkreten will sie bestimmte, herrschende und konservative bis reaktionäre Moralregeln, die letztlich auch gegen emanzipatorische Bestrebungen wirken, durchsetzen. Hierzu nutzt sie ihren Anspruch auf eine absolute, scheinbar unverrückbare Wahrheit (die in Wirklichkeit aber änderbar ist und immer wieder selbst innerhalb der Kirche durch Päpste tatsächlich verändert wurde!) und außerdem eine Kulisse der Furcht vor Strafen für „Sünden“ (nach der jeweiligen Definition der Kirche/Mächtigen) im Jenseits.

Das andere Argument, was als Kritikpunkt an Religion als solcher, generell, vorgetragen wird, ist, dass Menschen auf ein Jenseits, ein Paradies, vertröstet werden, wo man dann dem weltlichen Elend, der Unterdrückung, dem Leid entflieht, und man so davon abgehalten bzw. abgelenkt wird, in dieser Welt nach Befreiung zu streben, hier und jetzt emanzipatorisch zu denken, leben.

Und dieses letztere Argument trifft meiner Meinung nach eben nicht so generell. Auch wenn wir hier so aufgewachsen sind, dass Religion im gesellschaftlichen Mainstream so gut wie nur in dieser Form – Dualismus zwischen Diesseits und Jenseits, vor allem das Jenseits, die Geistwelt als Hoffnungsquelle, damit das Streben nicht innerhalb der irdischen Realität, sondern nach Transzendenz – sichtbar wird, ist das nicht die einzige Art von Religion, die es gibt.

Es gibt auch Religionen, wo Geist und Materie als unumstößlich verbunden gelten. Und damit eine solche, kritisierte, weil anti-emanzipatorische, Weltflucht in ein transzendentes Jenseits, in solchen Religionen eben nicht angelegt ist. Die gleichzeitig auch – auch das ist ein Merkmal, wie es im Mainstream selten sichtbar wird – keinen Alleinvertretungsanspruch haben, sondern ganz tief angelegt haben, dass verschiedene Menschen verschieden mit Religion oder Nicht-Religion umgehen, und das nicht nur toleriert, sondern als richtig und notwendig annehmen.

Die Konsequenz ist, dass solche Religionen ein verantwortliches Handeln im hier und jetzt, in dieser ganz irdischen Welt, verlangen. Es mag zwar sein, dass aus diesen Religionen nicht zwangsläufig genau eine emanzipatorische, linke politische Orientierung folgt. Solche Orientierungen sind häufiger zu finden, und in bestimmten Richtungen/Traditionen häuft sich dies. Zum Beispiel gibt es die Reclaiming-Tradition, die Religion/Spiritualität, persönliche Entwicklung/persönliches Wachstum und politischen Aktivismus auf Basis einer umfassenden, u.a. feministischen Machtanalyse, als Kernelemente hat.

Ich denke, aus einer undogmatisch/gewaltfrei (radikal-)linken Sicht kann ich die selbe Religionskritik, wie sie auf die im herkömmlichen Mainstream bekannten, herrschenden Religionen durchaus zutrifft, wie sie schon in Bakunins „Gott und der Staat“ sehr treffend war, nicht so auf z.B. Reclaiming anwenden.

Denn dort geht man zwar vielleicht mit Methoden/“Werkzeugen“ an verschiedene Themen, die für viele Menschen fremd(artig) sind. Für viele Menschen vielleicht auch schlichtweg nicht passend. Aber die Menschen, für die es „das Richtige“ ist, werden sicher nicht abgehalten – im Gegenteil wird es gefördert, sich hier in dieser Welt, in diesem Leben (also nicht in einem künftigen Paradies!), mit verinnerlichten Machtmechanismen auseinanderzusetzen, um so vorbereitet um so besser dann auch nach außen in irgendwelchen Weisen herrschaftsarme/-freie Strukturen leben zu können.

Und wenn ich das dann im Blick habe, finde ich es schade, wenn ich mich durch so eine pauschal anti-religiöse Haltung z.B. in Demonstrationsaufrufen wie dem zitierten ausgegrenzt fühle. Denn die wesentlichen Gehalte der Kritik teile ich ja in Wirklichkeit. Und ich denke, so gegenläufig sind die Ziele auch nicht:

Ich möchte, dass ich, wenn ich eine Religion und Spiritualität u.a. entlang dessen, was ich von Reclaiming lerne, praktiziere, auch damit angenommen werde. Gleichzeitig möchte ich, dass die politische, gesellschaftliche Organisation – Staat oder das, was nach Staat kommt – wirklich richtig säkular ist. Gerade da ich es vom Minderheitenstandpunkt her erlebe – und zwar nicht eine christliche Sondergruppe, sondern nochmal ganz anders –, merke ich, wie weit der jetzige Staat davon entfernt ist, trotz des theoretischen „es besteht keine Staatskirche“. Ich möchte, dass Religionen und Spiritualitäten kein Instrument von Macht und Unterdrückung mehr sein dürfen. Sie sollen aus meiner Sicht da sein für Menschen, die sich von sich aus dafür entscheiden, und Menschen in Ruhe lassen, die sich dagegen entscheiden. Und natürlich bedarf es einer wirklichen Redefreiheit, in der kritische Fragen gestellt werden können – sind bestimmte Lehren oder Gruppen in Ordnung, jedenfalls unschädlich, vielleicht sogar empowering? Oder sind sie destruktiv und unterdrücken ihre Mitglieder (oder gar Außenstehende)? Solches Hinterfragen sollte nicht nur toleriert werden, sondern begrüßt und gefördert – wirklich „gesunde“ Gruppen (egal ob spirituell/religiös, politisch, Selbsthilfe, …) sind selbst bereit, sich zu hinterfragen und sich ernsthaften Fragen zu stellen, um eventuell wirklich bestehende destruktive Tendenzen auszuräumen.

Papst in Berlin und Freiburg

Der Papst in Deutschland und insbesondere Berlin. Wen interessierts?

Offensichtlich viele!

Aus der katholischen und konservativen Ecke wird gejammert, dass es fehlgeleitete Seelen gibt, die dagegen protestieren. Vor 5 Jahren war er doch so willkommen. „Wir sind Papst“ und so. Und der liebe Benedikt sagt ja so schöne Sachen zur Liebe und zur Einstellung zur Natur. Und hat doch so lieb in Spanien die sozialen Missstände angeprangert. Und die armen Gläubigen. Die soll man ja nicht verletzen, wenn man da protestiert. Sind doch so viele, Millionen in Spanien und so weiter. Wenn man ihm doch einfach nur zuhören würde, so ein Berliner Szene-DJ.

Und jetzt: Von Freiburg bis Berlin sind sie so böse und heißen ihn nicht willkommen. Und die Linke schlachtet den Besuch und den Protest dagegen für ihren Wahlkampf aus, so im Report München. Und sogar die SPD und die Grünen (der böse Herr Ströbele möchte ja vielleicht den Bundestag verlassen, wenn der Bene da redet). Und der größte Skandal: Die abgehängten Schulkreuze in Bayern!!! Was würde denn mit uns im Land passieren, wenn die Kirche immer mehr verschwindet? Selbst die CDU weiß wohl nicht mehr, was „C“ bedeutet: „C wie Zukunft“ in Mecklenburg-Vorpommern. Wenn das der F… ähm Papst wüsste.

Nun, liebe Leute vom Report München, ich weiß ja, dass Ihr etwas arg konservativ seid. Und daher wohl etwas arg blind oder halbblind durch die Gegend latscht. Ihr habt zwar in einem Nebensatz mal „Zölibat“ und „Missbrauch“ erwähnt und sowas wie 150000 Kirchenaustritte. Aber dann, nein, wie kann das denn kommen, dass man denn gegen den Papst protestiert? Der hat doch da bestimmt nichts damit zu tun, oder?

Und in Spanien waren doch auch alle soooo dankbar. Dass es da auch massive Proteste gibt, ist wohl in Bayern ungesehen vorbeigezogen. Vielleicht ist da jetzt ja das Tal der Ahnungslosen, wo man nicht mal rest-bundesdeutsche Mainstream-Medien empfangen kann.

Dass der „liebe“ Benedikt zwar in den USA so schön getan hat, einen auf „Umkehr“ gemacht hat, mit Menschen gesprochen hat, denen von römisch-katholischen Klerikern sexuelle Gewalt angetan wurde und wo dies, wie dies ja wohl „üblich“ ist, jahrelang, jahrzehntelang vertuscht worden ist – ja, das sieht von heute aus irgendwie lächerlich aus. Denn danach erfahre ich von einem „Fall“ (schönes Wort?) in Südamerika, wo ein Kind, ein ca. 10jähriges Mädchen missbraucht wurde. Sie wurde schwanger, und es war ihr – verständlicherweise – untragbar, das Kind zu bekommen. Also trieb sie ab. Was passierte in dem (römisch-)katholischen Land? Das Mädchen, der Arzt wurden exkommuniziert. Der Täter nicht. Und das, nachdem der Benedikt da in den USA war, einen anderen Umgang mit dem Thema versprochen hat.

Das heißt: Ungefähr zu der Zeit war es ihm möglich, die Exkommunikation von den Piusbrüdern aufzuheben – auch wenn die aus kirchlicher Sicht auch üble Sünden begangen haben (Kirchenspaltung, Priesterweihe ohne offizielle Genehmigung). Aber dort einzugreifen war ihm nicht möglich, obwohl der Fall pressebekannt wurde. Das heißt also erzkonservative, extrem rückwärtsgerichtete, antisemitische Geistliche sind ihm dann immer noch wichtiger als Kinder, denen Gewalt angetan wurde und wird, und die versuchen, damit zu leben. Und dem „Kirchenrecht“ sind Täter weniger schlimm – keine Exkommunikation, denn da darf man ja barmherzig sein, vergeben, wasweißich – als die Kinder und deren Helfer_innen.

Und jetzt: Auch nach der in den USA versprochenen Umkehr in Deutschland wiederum zuerst im Jahr 2010 Scheibchentaktik: Nur zugeben, was nicht mehr vermeidbar war. Die sexuelle Revolution verantwortlich machen (gut, das war nicht der Bene höchstselbst).

Weiterhin eine (Sexual)moral aufrechterhalten, in der viele Dinge als schlimmer (u.a. mit der „Tatstrafe“ der Exkommunikation behaftet) gelten als sexuelle Gewalt (v.a. gegen Kinder). Sex außerhalb der Ehe? Eine neue Ehe nach einer Scheidung? Beziehungen für Priester? Frauenordination? Gleichgeschlechtliche (*) Partnerschaften. Empfängnisverhütung, Safer Sex – ein besonders düsteres Kapitel, da hier der Papst bzw. die römisch-katholische Kirche letztlich direkt mitverantwortlich für viele vermeidbare Krankheiten und Todesfälle ist.

Darum braucht es nicht zu wundern, wenn es viele interessiert, und wenn viele protestieren.

Zum einen plant der LSVD im Zusammenhang eines Bündnisses „Der Papst kommt“ eine große Demonstration am 22.9.2011 ab 16.00 Uhr in Berlin gegen die menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik des Papstes. Eigentlich soll die Demonstration am Brandenburger Tor mit einer Kundgebung starten. Nach derzeitigem Stand hat die Versammlungsbehörde dies verboten, wogegen das Bündnis beim Verwaltungsgericht klagt.

Desweiteren gibt es von Seiten von Tauwetter und Wildwasser Berlin einen Aufruf zu einem Block der Gesichtslosen, wo Betroffene von sexueller Gewalt und solidarische Mit-Betroffene sich zeigen und gleichzeitig, durch das Tragen weißer Masken (wer das möchte), zeigen, dass sie nicht die einzigen sind, dass es noch zahllose andere Betroffene gibt, die bisher noch unsichtbar sind, und dass es auch daher nicht passend ist, sich voyeuristisch auf Einzelschicksale zu konzentrieren.

Weitere Informationen zu Hintergründen und Veranstaltungen rund um die Demonstration und das Thema in Berlin. Außerdem wird der Papst auch in Freiburg sein, so dass auch dort eine Demonstration stattfinden wird.

(*) Was auch immer „gleich“ und „Geschlecht“ jeweils heißt.